Hinterher, nach der Lesung (dem Colloquium, dem Vortrag), wenn auch der anschließende Empfang mit Drinks und Canapés absolviert ist, bei dem Visitenkarten ausgetauscht werden und Treueschwüre: wir bleiben in Verbindung - hinterher spaziert man durch Krakau (oder Tokyo oder Montreal) in Hochgefühlen.

Man besichtigt nicht bloß als Tourist den Wawel, die Burganlage über Krakau, man hat hier gearbeitet, ja man war als Repräsentant tätig. Diese Art Kulturaustausch, den das Goethe-Institut neben seiner Spracharbeit betreibt, macht aus Künstlern und Intellektuellen kurzfristig Diplomaten, was zu interessanten Peinlichkeiten führen kann, insofern Künstlern und Intellektuellen die diplomatischen Verhaltensregeln fehlen - aber darüber wird hier geschwiegen.

Wir sind beim Hochgefühl. Es ist nicht bloß ich, der in dem großen Papiergeschäft an der Tokyoter Ginza einen ganzen Stoß von Notizbüchern unterschiedlichster Formate erwirbt, denn bloß ich wäre ich als normaler Tourist. Insofern er eingeladen war und in der Form eines Vortrags an internationaler Kulturarbeit mitwirkte, kaufte dort ein Autor aus der Bundesrepublik Notizbücher für seine nächsten Arbeitsjahre. Auch wenn dafür jedes Publikum fehlte.

Mit dem Knopf im Ohr

Dass er, statt bloß Tourist, Repräsentant ist, fällt dem Künstler oder Intellektuellen natürlich besonders auf, wenn er in Rotterdam Ossip Zadkines berühmtes Denkmal für die Toten des deutschen Bombardements betrachtet; oder in dem Krakauer Stadtteil Kazimierz herumspaziert, wo die jüdische Bevölkerung nur noch in den Film- und Fotodokumenten anwest, welche die Deutschen von ihrer Verschleppung anfertigten. Glücklicherweise fehlt auch hier für den Gast des Goethe-Instituts jedes Publikum, das beobachten könnte, wie er mit dem Übergang seines Hochgefühls in schwere Beklommenheit fertig wird.

Aber was gibt es von der Lesung (dem Vortrag, dem Colloquium) selbst zu berichten, zu dem das Goethe-Institut in Tokyo (Montreal, Rotterdam) mich eingeladen hatte?

Eine ebenso gründliche wie überraschende Erfahrung von Alterität. Überraschend vor allem insofern, als das Fremde, über dessen Anerkennung/Nichtanerkennung in den heimischen Diskursen so innig beratschlagt wird, sich dort gar nicht grandios und machtvoll vor dir aufbaut und Anerkennung verlangt, die du dann auch verweigern könntest.