Ivan Nagels Streitschriften sind ein seltener Glücksfall von Kulturkritik, nicht übellaunig, sondern unnachsichtig gegen das Mittelmaß, das Spießertum in der Kunst, der Gesellschaft, der Politik der Bundesrepublik. Nagel ist außerstande, diesen Impuls ideologisch zu trimmen; er reagiert allergisch auf Enge und Fantasieverkümmerung. 1969 verteidigt er eine Aktion des Bundesverteidigungsministeriums, bei der mit Ballons Dissidentenliteratur über der DDR abgeworfen wurde. Ebenso verteidigt er ein Jahr später das Recht des Ensembles der Berliner Schaubühne, sich als marxistisches Kollektiv zu verstehen. Die Empfindlichkeit gegen das Konventionelle schläft nicht ein nach dem Protest gegen die Biedermeierlichkeit der Adenauerzeit, sie regt sich sofort, als die Kritikgesinnung der Achtundsechziger ihrerseits verlangweilt. Alles in diesen kultur- und allgemeinpolitischen Nebenwerken des Theaterintellektuellen und Kunstschriftstellers liest sich wie neu entdeckt: Als Nagel im vergangenen Jahr, in seinem Dank für den Moses-Mendelssohn-Preis, über Fremdenhass und Außenseiterfeindlichkeit sprach, mochte man meinen, dass sich noch nie jemand dazu geäußert hätte, so frei von Klischees war die Rede. Zu seinem 70. Geburtstag an diesem Donnerstag hat Ivan Nagel uns mit dem vorliegenden Buch ein schönes Geschenk gemacht.

Ivan Nagel:Streitschriften Politik, Kulturpolitik, Theaterpolitik 1957; Siedler Verlag, Berlin 2001; 222 S., 39,90 DM