Wenn wir die jungen, kritischen, scharfen Beobachter nicht hätten! Benjamin von Stuckrad-Barre beispielsweise schrieb in seiner stern-Kolumne vergangene Woche anlässlich der Verleihung des Goldenen Lachses 2001 an und über Günther Jauch: "Trotz seiner Omnipräsenz sieht man ihn noch immer recht gern, auch wenn er kurz davor ist, einfach prinzipiell zu nerven, was schade wäre." Wunschdenken mit autobiografischen Zügen? Muss sich die deutsche Medienlandschaft nach der "Verbuschheuerisierung" nicht vielmehr auf eine "Verstuckrad-Barrung" gefasst machen? Denn was Jauch mit Stern TV, Sportübertragungen, Millionärsshows sowie gelegentlich dazwischengestreuten Auftritten bei Sabine Christiansen vorlegt, hat Stuckrad-Barre längst getoppt. Wir zählen mit: Kolumnen in stern und Rolling Stone, regelmäßige Veröffentlichungen in der FAZ und Allegra, ab Herbst eine Literatursendung auf MTV und bald eine Talkshow auf N3. Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da Stuckrad-Barre leider erst im Herbst wieder Zeit hat, mit Journalisten zu sprechen. Verständlich, irgendwie.

So wird das nie was mit der deutschen Einheit. Nachdem inzwischen verpönt ist, das Match Osten vs. Westen offen auszutragen, wurde nun Norden vs. Süden angepfiffen. München-Blues nennt der Berliner Tagesspiegel seine launige Serie, in der beinahe täglich die Berlin-Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung bissig kommentiert wird. Wenn der SZ-Reporter über die "säuerlich riechenden" Frauen und "ostig rumpelnden U-Bahnen" motzt, mit denen er nach dem Madonna-Konzert heimfahren muss, ätzt der Tagesspiegel zurück: "Die Stadt M. war für den süßlichen Geruch ihrer Frauen in der ganzen Welt berühmt. Trotzdem fuhr Madonna dort nicht hin." Für den Kommentar des ersten München-Blues leistete sich der Tagesspiegel offensichtlich sogar einen Übersetzer. Die SZ-Zeilen "... war der selbstgefällige Berliner Lokalpatriotismus doch immer der reaktionärste und unproduktivste" quittierte man mit einem südländisch klingenden "Ein bissel minderwertigkeitskomplexbeladen seid's schon, gell?"

Ein Bild sagt mehr als warme Worte, dachte man sich wohl beim Spiegel und illustrierte eine Meldung über die homosexuelle Vergangenheit des britischen Konservativen Michael Portillo passend mit einem Foto, auf dem er mit jungen Balletttänzern zu sehen ist. Dies blieb die einzige einschlägige Meldung, nachdem zuvor das Gerücht die Runde gemacht hatte, der Spiegel würde einen weiteren deutschen Politiker outen.

Und wo bleibt das Positive? Hier: Das US-Frauenmagazin Cosmopolitan hat zur Wahl der Hottest Guys in Media aufgerufen. Die Springer-Führungsetage soll sich bereits Friseurtermine gesichert haben.

Sigrid Neudecker (offline@zeit.de)