Das eindrucksvollste Kompliment, das Bernard Pivot zum Abschied vom Bildschirm am 29. Juni zugerufen wurde, fiel Bernard-Henri Lévy ein, der die literarischen Salons von Paris noch immer als ein jugendlicher Held à la Gérard Philipe dominiert: "Hat Pivot eine Seele?", fragte er mit dem Charme der Unverschämtheit. "Hat er ein Leben? Ein Doppelleben? Oder noch mehr? Und was denkt er, nicht nur über die Bücher, die er gelesen hat, sondern über das Dasein, den Tod, die Frauen, die Politik? Es ist bizarr: Man weiß nichts über ihn. 30 Jahre ist dieser Mensch unter uns, doch Pivot bleibt ein Mysterium."

Lévy sprach bewundernd von der "diabolischen Unschuld" dieses erstaunlichsten Mittlers, der jemals der Literatur in den elektronischen Medien gedient hat, und Jean d'Ormesson - einst sein Chef in der Redaktion des Figaro littéraire (von dem er in Unfrieden schied) - verwies auf Pivots listige Naivität, die nichts anderes als der Ausdruck einer unersättlichen Neugier sei: Neugier auf die Welt der Bücher, die mit jeder Postsendung wie eine Lawine über ihn hereinbricht, Neugier auf das "sekundäre Leben", das mit ihnen - samt den unerschöpflichen Merkwürdigkeiten der menschlichen Existenz - sein Studio besetzt, vor allem aber die nie ermüdende Neugier auf die Autoren, die jenes humane Universum schufen.

28 Jahre lang ist es ihm geglückt, einem Millionenpublikum abertausend Bücher nahe zu bringen: vom Jahr 1973 an zunächst mit einem wöchentlichen Programm, das den seltsamen Titel Ouvrez les guillemets (In Anführungszeichen) trug, zwei Jahre später durch Apostrophes aufFrance 2, mit dem er Frankreich erobert hat, nach 1990 mit Bouillon de culture, das er zu Anfang auch für die Attraktionen des Theaters und des Films zu öffnen versuchte - eine Konzession an die Glitzerwelt des Showbiz, die sich rasch als ein Irrtum erwies. Pivot kehrte ohne lange Erklärung zum schlichten Format des Anfangs zurück: vier, fünf oder sechs Autoren am ovalen Tisch, manchmal durch eine Thematik, durch vergleichbare Schicksale, durch Generation oder Geschlecht vereint, manchmal die reizvollsten Gegensätze repräsentierend.

Er bändigt die Diven und Vipern

Jedem der Schreiber gab Pivot durch seine herausfordernd freundlichen, in Wahrheit durchtriebenen Fragen die Chance, sein Buch vorzustellen, so gut er's, so gut sie's vermochte. Dank seiner Bonhomie und seines unverstellten Temperaments verlor in der Regel auch die furchtsamste Seele ihre Angst vor der Kamera, die Scheu vor den Zuschauern im Saal und das Grauen vor dem Millionenpublikum draußen. Jeder Autor sollte das Buch des anderen gelesen haben: die einzige Grundbedingung, der sie zu genügen hatten.

Fast immer gelang es Pivot mit einigen stimulierenden Sätzen, eine lebhafte Unterhaltung ohne feste Regeln zu animieren, meist voller Witz, fast immer respektvoll, höflich, oft von eleganter Grazie bestimmt; manchmal geriet sie auch zur scharfen Debatte, hart pointiert, gelegentlich am Rande beleidigender Verachtung.

Doch Pivot brachte es, kraft seines Humors und seiner natürlichen Autorität, stets zuwege, die Hitzköpfe, die Diven des intellektuellen Schaugeschäfts und die Vipern aus den akademischen Schlangengruben mit Toleranz und Geduld zu bändigen. Nur einer ließ sich nicht zähmen: der stockbesoffene Charles Bukowski, den er mitten in der Sendung vor die Tür setzen ließ.