Stromausfall im höchsten Haus der Welt: Die Rolltreppen stehen still, die Nobelboutiquen sind ohne Licht, selbst die sanitären Anlagen versagen ihren Dienst. Es ist, als habe die Zivilisation im Petronas-Hochhaus - Denkmal der Urbanität über Malaysias Dschungeln - für eine kurze Weile den Atem angehalten.

Die Besucher lassen sich davon wenig stören. Unverdrossen strömen sie den letzten beleuchteten Auslagen zu. "Shopping ist für uns Freizeitspaß", meint Melody Yeoh, eine Mittzwanzigerin im Bürokostüm. "Wenn wir heute nichts kaufen können, überlegen wir, was wir morgen anschaffen - so haben wir schon die Asienkrise überstanden." Sie selbst kann diesem Hobby heute selten frönen. Zwischen Job und Nebenjob, Computer- und Sprachkurs bleibt der jungen Frau nur wenig Zeit.

Vier Jahre nach Ausbruch der Asienkrise wird wieder emsig gearbeitet und fröhlich konsumiert. Die Schrecken des Crashs, der im Juli 1997 zuerst Thailand und danach praktisch alle Staaten der Region erfasste, scheinen in weite Ferne gerückt. Dabei zählte Malaysia nach dem Kollaps zu den besonderen Sorgenkindern: Statt wie die Nachbarländer auf Weltbank und Währungsfonds (IWF) zu hören, pfiff Premierminister Mohamad Mahathir auf Geld und Rat aus dem Westen. Überhaupt verschwendete er wenig Zeit darauf, über die hausgemachten Ursachen der Asienkrise nachzudenken, sondern schob die Schuld auf ausländische Spekulanten wie George Soros. Während sich die gesamte Region bemühte, das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen, um die Talfahrt der Aktien und Wechselkurse zu beenden, setzte Mahathir auf Kapitalkontrollen und legte unbekümmert weiter Fünfjahrespläne vor.

Damit verstieß Malaysia zwar gegen das Credo der meisten Ökonomen. Doch die Fachwelt nahm es zähneknirschend zu Kenntnis: Die dirigistische Politik hatte Erfolg. An den Crash erinnern in Kuala Lumpur heute nur noch ein paar bemooste Bauruinen zwischen den Bürotürmen. Ansonsten summt und brummt der Verkehr in der weitläufigen Stadt, als wäre die Katastrophe nie geschehen. Mit einem Wachstum von über acht Prozent erreichte das Land im vergangenen Jahr wieder Vorkrisenniveau und zählte so zu den Spitzenreitern Asiens. Selbst Südkorea - Musterschüler des IWF - erzielte nur minimal bessere Ergebnisse.

Dazu beigetragen hat vor allem die Chip-Industrie: Auf malaysischen Fließbändern montieren fleißige Hände elektronische Notizbücher, Handys und Anrufbeantworter für die ganze Welt. Dass besonders die Amerikaner gerne bei ihnen einkaufen, war der große Stolz der Exporteure. Ausfuhren in die USA trugen im vergangenen Jahr mehr als ein Viertel zum Bruttoinlandsprodukt bei. Kein anderes Land Südostasiens profitierte derart massiv vom Aufstieg der New Economy am anderen Ende des Pazifiks.

Doch genau diese Stärke könnte sich jetzt in eine Schwäche verwandeln. Amerikas Wirtschaft dümpelt. Und von Japan sind weniger Impulse denn je zu erwarten. Unruhe macht sich breit in Malaysias produktivem Paradies, besonders in Penang, der malerischen Insel im Nordwesten. Das Eiland, schon unter englischer Herrschaft einer der bedeutendsten Handelsplätze Asiens, beherbergt heute das Gros der Elektronikhersteller. Wie tropische Pflanzen wucherten die Fabriken aus dem fruchtbaren Boden. Doch seit aus den USA Gewinnwarnungen kommen, bangen die Menschen dort um ihre Jobs. Seagate, ein amerikanischer Fabrikant von Computerlaufwerken, schloss einen 4500-Mann-Betrieb. Intel und andere High-Tech-Unternehmen planen Einsparungen.

Auch vor vier Jahren war es eine Exportschwäche, die das Unheil auslöste. Ein Stottern des Weltkonjunkturmotors, zu klein, um im Westen wahrgenommen zu werden. Doch es genügte, um die spekulative Blase in Südostasien zum Platzen zu bringen. Die Ökonomen der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) blicken deshalb sorgenvoll nach Kuala Lumpur. Unter den Opfern von 1997, prophezeiten sie kürzlich, werde Malaysia am stärksten zu leiden haben. Will heißen: Käme es heute zu einer Neuauflage der Krise, stünde nicht Thailand, sondern Malaysia an vorderster Front.