Es ist gar nicht so leicht, nach all den Jahren der Landnahme noch einen amerikanischen Ureinwohner zu finden. Jedenfalls einen, der sich den neuen Herren widersetzt, der kämpft um seine Bräuche, seinen Stamm, seine Rasse; einen, der sich in der Tradition des Häuptlings Sitting Bull sieht und die Eindringlinge in der Schlacht zurückwerfen will, am Little Bighorn oder anderswo. Sich so einem zu nähern, bedarf es guter Referenzen und der Kontaktanbahnung durch das Internet.

Als Treffpunkt hat der Mann einen Ort vorgeschlagen, wo seinesgleichen verkehrt, eine Art Reservat in den Hügeln oberhalb von San Jose, der Millionenwucherung am Eingang des Silicon Valley. Verlassen ist es hier oben, bis an der Landstraße ein kleines Restaurant auftaucht. Wer es betritt, geht auf Zeitreise. Uberall, an jeder Wand, an jedem Tisch, vergilbte Fotografien aus jenen unvergessenen Tagen, da Amerika noch denen gehörte, für die es gemacht ist, und ein jeder von rechter Herkunft Feuerstelle und Lagerstatt fand.

"Schauen Sie sich um in Kalifornien!", ruft der Mann zur Begrüßung. "Wir sollen ausgelöscht werden." Auf seinem Teller liegen New-York-Bagels mit Marmelade, die Frühspeise der Eingeborenen, und Sitting Bull hinter dem Teller hat schneeweiße Haut. Ein weißer Bulle, Leutnant im Streifendienst der Polizei, inzwischen pensioniert. Er ist gekommen zu erklären, was er den "Plan zur Bräunung Amerikas" nennt: The plan to tan America.

Das Bleichgesicht heißt Louis Calabro, ist italienischer Uramerikaner und die Stimme des kulturellen Unbehagens in einer Gesellschaft, in der Farbcodierung nicht mehr hilft, fremd von eigen, unten von oben zu unterscheiden. Louis Calabro ähnelt mehr einem Dorfpolizisten als einem kalifornischen Super-Cop, alles an ihm ist rund und gemütlich, auch die Stimme, weshalb sogar seine Parolen irgendwie mild oder wenigstens melancholisch klingen. "Mein Wohnviertel", sagt er, "verloren." Eine feine Siedlung, 1300 Reihenhäuser, drum herum hübsche Grünanlagen, alles picobello, jedenfalls damals, als er einzog. Dann, sagt er, sind die Bunten gekommen, aus Lateinamerika, aus Asien, aber eigentlich von überall her, 177 Herkunftsländer zählen sie nun in San Jose, jede denkbare Hautfarbe. Und prompt übernehme bei ihm in der Reihenhaussiedlung "niemand mehr Verantwortung: Es gibt keine Gemeinsamkeit mehr."

Louis Calabro beugt sich über seine Bagels und setzt den strengsten Blick auf: "Wer so was sagt, gilt hier ja gleich als Rassist." Dabei ist er nicht mal gegen Einwanderung - solange die Mehrheit aus Europa kommt. Aber das ist vorbei, nun fühlt er sich nicht mehr wohl, weil "Weiße verdrängt und ausgeschlossen werden".

Die Politik aber feiert die demografische Revolution. Neulich nach der Volkszählung hieß es, es gebe nun - dank Einwanderung - vier Millionen Kalifornier mehr als vor zehn Jahren, und der Anteil der Weißen sei auf knapp die Hälfte gefallen. Zum ersten Mal besteht in einem Flächenland die Mehrheit aus lauter Minderheiten. Ein Begriff wird abgeschafft, für die Politik gibt es nur noch "Kalifornier". Eine Schreckensvision für Louis Calabro. Er klappt seine Aktentasche auf. Drinnen stecken kleine Sternenbanner und ein Stapel Broschüren des Euro-Amerikanischen Forums, gegründet von Calabro höchstselbst, damit, wie er sagt, "die Weißen wieder stolz sein können, weiß zu sein".

Seine Initiative, das weiß er, ist eine Splittergruppe. Niemand, keine Partei und keine Organisation, vertritt in Kalifornien das Programm des Wir-waren-zuerst-hier. Derlei Nativismus wirkt bigott in einem Landstrich, in dem auch Alteingesessene nur Einwanderer sind - die halt etwas früher ankamen. Deshalb befindet sich der Aktivist Calabro im Dreifrontenkrieg: einmal gegen "die Demokraten", für die jeder farbige Einwanderer ein künftiger Wähler sei; dann gegen "die Republikaner", die erst einer Volksinitiative gegen Einwanderung folgten und dann der Industrie, die Billiglöhner will, egal woher; und gegen "die schweigende Mehrheit unter den Weißen", nach Umfragen 77 Prozent, die der Einwanderung nicht nur tatenlos, sondern freudig zusähen. Warum dann dieser aussichtslose Kampf des Louis Calabro? Jetzt wird er feierlich, und es folgt jene Sentenz, die ihn in die Reihe der letzten Indianerhäuptlinge rückt: "Damit nicht in den Geschichtsbüchern steht, dass niemand ihn geführt hat."