Ihre wirklichen Konkurrenten verhalten sich am loyalsten. Weder von Edmund Stoiber noch von Roland Koch wird man ein böses Wort über Angela Merkel hören. Im Gegenteil. Der bayerische Ministerpräsident lobt, sie sei eine hervorragende Vorsitzende. Und der hessische Parteifreund begrüßt ausdrücklich das jüngste Machtwort der CDU-Chefin. Die hat angekündigt, ihre öffentlichen Kritiker künftig "zur Verantwortung" zu ziehen - eine Drohung, von der man nicht recht weiß, wie eine Vorsitzende sie wahr machen will, deren Autoritätsdefizit ja gerade den Anlass für die Dauerkritik bietet. Vorerst jedoch geloben die Mitglieder der Führungsgremien Geschlossenheit - ein Vorsatz, der in den vergangenen Monaten ebenso oft ausgerufen wie gebrochen worden ist.

Angela Merkels Stellung an der Spitze der CDU ist während der Wirren um die Berliner Spitzenkandidatur nicht komfortabler geworden. Dass in der Hauptstadt nun Frank Steffel statt Wolfgang Schäuble als Hoffnungsträger der CDU fungiert, wird der Vorsitzenden ebenso angelastet wie der erfolgsferne Gesamteindruck, den die Partei seit Monaten bietet. Umso erstaunlicher ist es, Angela Merkel bei ihrem persönlichen Krisenmanagement zuzusehen: keine Anzeichen von Nervosität, ein stoischer, schier unbeirrt wirkender Vortrag ihrer Sicht der Dinge und eine frappierende Chuzpe, mit der es ihr gelingt, selbst offenkundige Führungsfehler in Erfolge umzudeuten. "Es ging um die beste Lösung für Berlin", lobt Merkel ihre Hauptstadt- Aktivitäten, während die ganze Stadt den Kopf darüber schüttelt, wie sie die folgenreiche Provinzposse einfach geschehen lassen konnte. Dass sie gegen Kritik wirklich so immun ist, wie sie nach außen wirkt, möchte man Angela Merkel nicht wünschen.

Erfolg, Misserfolg, das gleicht sich immer aus - meint sie

Doch auch von öffentlich zelebriertem Defätismus kann sich die CDU-Vorsitzende nichts versprechen. Also zeigt sie sture Gelassenheit und achtet fein darauf, angesichts der schwierigen Lage nicht die Spur von Selbstzerknirschung erkennen zu lassen. Obgleich sich - nach dem Abflauen der Anfangseuphorie - Angela Merkels Amtszeit leicht als Kette von Krisenfällen darstellen ließe, bekundet die Politikerin mit naturwissenschaftlich geschultem Fatalismus, Erfolg und Misserfolg glichen sich in der Summe immer aus. Man dürfe sich eben nie "von einer guten Strähne wegtragen lassen". Und während ihre Umfragekurven steil nach unten gehen, wirkt Angela Merkel, als habe sie diese Entwicklung schon längst vorweggenommen und mental verarbeitet: "Immer nach oben, das geht nicht."

Nein, dass die Vorsitzende ihr Amt entnervt aufgeben könnte, ist nicht zu befürchten. Vielleicht darf sie auch darauf hoffen, dass die heraufziehenden Wahlkämpfe disziplinierend auf die innerparteilichen Kritiker wirken - so wie es gerade auf dem Parteitag der Niedersachsen-CDU zu bestaunen war, wo Christian Wulff brav an der Seite seiner Vorsitzenden den Kommunalwahlkampf eröffnete. Vor vier Wochen lautete seine Merkel-Bilanz noch: "So kann man nicht führen."

Doch selbst wenn ein Anfall wahlkämpferischer Selbstbeherrschung der Vorsitzenden eine Kritikpause verschaffen sollte, wird das an der Stimmungslage der CDU wenig ändern. Mag Angela Merkel auch noch so abgebrüht mit Rückschlägen umgehen, die jahrzehntelange Regierungspartei leidet weiter an ihrer Machtferne und der scheinbaren Unangreifbarkeit Gerhard Schröders. Während sich für die Union die kleineren und größeren Katastrophen aneinanderreihen, darf der Kanzler einen Glücksfall nach dem nächsten als persönlichen Erfolg verbuchen - wie gerade wieder die von allen Seiten gefeierte Einigung zum Länderfinanzausgleich. Und obwohl deutlich nach unten korrigierte Konjunkturprognosen, Arbeitslosigkeit und steigende Inflation im Regierungslager wachsende Nervosität hervorrufen, zeigt sich die Opposition nicht fähig, die günstiger werdende Ausgangsposition für das Wahljahr zu nutzen. Ihr "Sofortprogramm zur Rettung der Konjunktur" wirkt wie eine lustlos absolvierte Pflichtaufgabe, so als wolle die Partei möglichst laut- und wirkungslos ein abweichendes Votum zu Protokoll geben. Harmloser kann eine Opposition nicht agieren.

Der Machtverlust von 1998 und seine beschwiegenen Ursachen, die Spendenaffäre, der Rücktritt der unumstrittenen Führungsfigur Wolfgang Schäuble und das glücklose Wirken seiner Nachfolger haben der CDU bis auf weiteres jegliche Erfolgshoffnung ausgetrieben. Die daraus resultierende Unzufriedenheit entlädt sich seither in immer kürzeren Abständen gegen eine Führung, die nicht überzeugend darstellen kann, dass sich an diesem Zustand bald etwas ändern wird. Während Helmut Kohl für die Union ein Jahrzehnt lang Macht personifizierte und Wolfgang Schäuble an seiner Seite unangefochtene Kompetenz, muss Angela Merkel den Leerraum verwalten, den beide hinterlassen haben. Und die programmatische Erneuerung, die sich unter ihrer Regie seit geraumer Zeit geradezu fahrplanmäßig ereignet, wirkt eher wie fleißige Selbstbeschäftigung und nicht wie irgendeine Vorbereitung auf die Regierungsverantwortung. Die viel beschworenen neuen Inhalte - etwa in der Bildungs-, Familien- oder Einwanderungspolitik - begründen keinen Machtanspruch - so wenig wie die Vorsitzende selbst. Und ihr so lautstark gestarteter Generalsekretär Laurenz Meyer, der eigentlich für die Verwandlung von Inhalt in Offensive zuständig wäre, hat sich inzwischen als Totalausfall erwiesen.