Donnerstagabend im Garten der Gästevilla des Auswärtigen Amtes zu Berlin: Zwei Diplomaten verabschieden sich, um demnächst als Botschafter in Washington und Ottawa auf posto zu gehen, darunter der bisherige Staatssekretär Wolfgang Ischinger. Händeschütteln, Plaudern, leises Gläserklirren. Und nebenbei hängen einige mit ungläubigen Gesichtern an ihren Mobiltelefonen; Ist er nun - oder ist er nicht, noch nicht? Doch! Milosevic ist nach Den Haag ausgeflogen worden. So?? - Der schönen Party tat dieser weltpolitische Vor- und Abgang keinen Abbruch.

Bismarck hat einmal gesagt, wenn der Mantel der Geschichte vorüberwehe, bleibe dem Staatsmann wenig mehr übrig, als seinen Saum zu erfassen. Aber wann weht der Weltgeist schon einmal so deutlich, dass man einen Mantel erkennt; dass man erkennt: Dies ist der Mantel der Geschichte; und dass man den Saum zu fassen bekommt, gedanklich und handfest zugleich?

Wenn man das Kleingedruckte eines jeden geschichtlichen Vorganges liest, verschwimmt und verflirrt einem jedes für klar gehaltene Bild vor den Augen. So auch dieses Mal: Hat der serbische Ministerpräsident mit seiner gewagten Aktion sein Spiel überzogen? Wird sein Staatspräsident ihm noch einen Streich spielen können - oder mault er nur politisch herum? Ist die Sache etwa "formaljuristisch" in Ordnung oder nicht. Wie auch immer: Diese "Auslieferung" mag als politischer und justizieller Vorgang am Ende noch mehr Konfusionen erzeugen als ihn bereits jetzt umgeben: In die Geschichte wird er eingehen als ein Sieg der Gerechtigkeit - und als Niederlage aller Diktatoren dieser Welt. Vor allem aber als geradezu atemberaubendes Präjudiz, also als rechtssetzende Premiere sondergleichen.

Zum ersten Mal, so liest man es jetzt fast überall, hat ein Staat dieser Welt seinen vormaligen Gewaltherrscher und Menschenschinder "ausgeliefert". Das ist einerseits richtig - wenn man einmal von allen übrigen Vergleichen absieht: Pinochet war auf einem "Privatbesuch" in England aufgebracht worden - nun dümpelt er in der heimischen Justizgeschichte vor sich her. Honecker war im eigenen Lande vor Gericht gestanden - aber wo kommt es schon vor, dass ein ganzes diktatorisches Regime in die Hände eines intakten Rechtsstaats der eigenen Teil-Nation fällt? Und Hitler - der wählte seinen eigenen schwachen Abgang. Seine Satrapen hingegen, so sie nicht ein Ähnliches taten, kamen vor den Nürnberger Gerichtshof - glatte Siegerjustiz, die weniger im Ergebnis als in der rechtlichen Begründung und in der mangelnden Legitimität mindestens einer der Gerichtsherren schwere Defekte hatte. Aber die trotz dieser Mängel jetzt wie ein frühes Vorbild wirkt.

Soweit das scheinbar Eindeutige. Aber nun ein Nachtrag: Milosevic ist in Wirklichkeit nicht ausgeliefert worden. Sondern er wurde "zugeliefert" - denn er selber hatte im Abkommen von Dayton seinen Staat mit eigener Hand und Unterschrift dazu verpflichtet, Kriegsverbrecher dem durch völkerrechtlichen Vertrag errichteten Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunal zu überstellen (also nicht einem auswärtigen Staat auszuliefern). Es wäre demnach ein Treppenwitz gewesen, wenn das un-diktatorische Jugoslawien sich geweigert haben würde, eine Verpflichtung zu erfüllen, die sogar der Diktator selber unterschrieben hatte.

Und nun noch ein zweiter Nachtrag: Krieg ist immer schrecklich. Auch als Not-Krieg und als militärische Nothilfe. Aber was immer man zu dem Militäreinsatz im Kosovo sagen mag: Hätten wir ohne diesen Einsatz Milosevic jemals im Haag ankommen gesehen? Und das ausgerechnet an jenem 28. Juni - der als Jahrestag der Schlacht auf dem Amselfeld so traumatische Bedeutung hatte, nicht für die Serben aller späteren Jahrhunderte, sondern auch für die perversen Machtphantasien eines Slobodan Milosevic??

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