Eigentlich könnte mir das alles ganz wurscht sein, denn ich war nie im Volksparkstadion und werde dort auch kaum jemals hinkommen. Die Sportsfreunde aus Hamburg und dem Rest der Welt mögen mir dies bitte nachsehen. Trotzdem ärgere ich mich darüber, dass dieses Stadion nun nicht nach Uwe Seeler benannt wird, sondern gegen Geld auf fünf Jahre AOL-Arena heißen soll – gerade so, als gehöre nicht nur das Sportgelände, sondern der gesamte Club, wenn nicht gar der Sport überhaupt jenem ComputerCommunicationsdienstleister. Ein Glück, dass der Zuschlag nicht an den Konkurrenten ging – sonst müssten wir zum Volksparkstadion auch noch Compuserve-Collosseum sagen.

Weshalb nun die Aufregung? Weil auf diese Weise immer Bezirke des „öffentlichen Raumes“ der Allgemeinheit weggenommen, also der Öffentlichkeit „enteignet“ und von Privaten „angeeignet“ werden – zum Zwecke der Förderung ihrer privaten, gewinnsüchtigen Interessen. Am Ende gehört der Fußball dann dem AOL-Unternehmer, das Wetter gehört Krombacher oder irgendeinem anderen Pils, das uns eben dieses Wetter präsentiert.

Die Idee des „öffentlichen Raumes“, ja der Öffentlichkeit und der Gesellschaft überhaupt, diese Idee lebt davon, dass es öffentlich sichtbare, ja den Raum insgesamt beherrschende Sphären gibt, in denen sich Menschen öffentlich von gleich zu gleich begegnen, als Bürger, nicht nur als Konsumenten, als verantwortliche citoyens (und citoyennes), nicht bloß als gierige bourgeois. Je mehr sich dieser Prozess der öffentlichen Enteignung und privaten Aneignung des öffentlichen Raumes fortsetzt, ja beschleunigt, desto mehr schwindet jene Form von Gesellschaftssinn der für mehr steht als fürs Fressen und Gefressen-Werden, fürs Bezahlen und Bezahlt-Werden. In der gemeinen Prostitution wird etwas, was Intim sein, aber Privat bleiben sollte, „ver-öffentlicht“ – in der öffentlichen Prostitution, wird etwas, was gerade der Öffentlichkeit gehören sollte, „ver-privatisiert“; in beiden Fällen wird ein personaler oder sozialer Wert der Herrschaft des Geldes unterworfen werden. Das geschieht zum Beispiel auch dort, wo öffentliche Verkehrsmittel bis zu Unkenntlichkeit mit privater Werbung zugekleistert werden: Gerade die Uniformität des Anstrichs der Straßen- und U-Bahnen, der Busse und Züge zeigt an, dass sie einer Pluralität der Bürger zur gesamten Hand und zu gleichen Teilen gehören. Werden die Fahrzeuge aber der privatwirtschaftlichen Werbung prostituiert, entsteht schon rein un-ästhetisch der Eindruck, dieser bestimmte Bus gehöre einer bestimmten Firma – und es sei eine reine Gnade, dass man mitfahren dürfe; jedenfalls zu einem (durch deren Werbung ermäßigten) gnädigen Preis.

Übrigens: Wo doch Rudolf Scharping kein Geld hat, unsere Bundeswehr zu bezahlen – wie wäre es, wenn er an den Panzerwänden und Uniform-Aufschlägen Werbelogos anbringen ließe: Etwa für Hansaplast…? Oder Aspirin…? Krieg soll ja manchmal zu Verwundungen und Schmerzen führen…

Das Geld, das die öffentliche Hand auf diesem Wege einzuwerben scheint, wiegt den Verlust an Öffentlichkeit nicht auf. Wenn man dem (privaten) Kommerz einen Finger reicht, schnappt er sich eines Tages die ganze (öffentliche) Hand. Wenn aber schon die öffentliche Hand nur noch nach dem Geld schnappt – weshalb sollte sich der Bürger nicht erst recht denken: „Ich auch!“?

P.S.: Wir setzen die Sache morgen fort mit dem Thema: „Der Bürger als Kunde“

PP.S.: Dies Kolumne wurde der Redaktion zwar via AOL übermittelt. Aber diese Kolumne wird Ihnen nicht (in Worten: nicht) durch AOL präsentiert, sondern nach wie vor durch den Autor selber.