Zum „öffentlichen Raum“ und seinem Rückgewinn gleich, das heißt am Ende, noch eine gute Nachricht – für die Leser der vorigen Kolumne. Zuvor aber für alle zusammen erst eine schlechte Nachricht. Sie ist zwar nicht ganz neu – aber sie verstimmt mich jeden Morgen aufs Neue. Denn wann immer ich mein Rathaus passiere (das schöne Altonaer Rathaus, für die Eingeweihten), muss ich zuvor an einem Billig-Pavillon vorbei, in den die Abteilungen ausgelagert worden sind, in die wir Untertanen gehen müssen, wenn wir etwas brauchen: An- und Abmeldeformulare, Führerscheine – wahrscheinlich auch im Falle eines dringlichen Aufgebotes; aber das berührt mich nicht mehr. Vor diesem Gebäude steht nun das provozierende Schild „Kundenzentrum“ – als handle es sich bei diesem Rathaus-Pavillon um eine Art Service-Baracke.

Auch diese schlechte Nachricht zerfällt in zwei Teile – einen gutgemeinten und in einen schlechten; aber „gutgemeint“ ist laut Gottfried Benn immer Kitsch. Und um den Sozial- und Kunden-Kitsch geht es hier. Aber zunächst das Gutgemeinte:

Mit „Kundenzentrum“ soll offenbar den Beamten des Rathauses signalisiert werden, dass der Bürger kein Untertan mehr ist, sondern dass er wie ein Kunde zu behandeln ist, höflich und zuvorkommend. Und dem Bürger will man signalisieren: Bei uns werden Sie mindestens so gut bedient wie bei (Name der Redaktion bekannt, aber wg. Schleichwerbung verschwiegen). Also: Wir schicken Sie nicht mehr durch drei Abteilungen und vier Warteschlangen, bis Sie an Ihre Bescheinigung kommen. (Nebenbei gesagt: Solche Herumschickereien nach der Methode „Buchbinder Wanninger“ – von Karl Valentin – erlebt man heute eher in Großkaufhäusern: „Ham w’r nich, müssen Se im vierten Stock probieren. War’n Se schonnn? Dann ham w’r ’s wirklich nich. Nee, weeß ick nich. Kann man nüscht mach’n.“)

Aber zurück zu unserem „Kundenzentrum“. Dass das Rathaus uns wenigstens dem Kunden im Kaufhaus gleichstellen will, ist zum einen recht nett – lässt aber tief blicken, und zwar in die Abgründe der vormaligen Denkweise der Obrigkeit betr. Bürger. Zum andern aber ist es wiederum fatal: Denn um einen zivilisierten Umgang zwischen dem Gemeinwesen, also der politischen Lebensform aller, und dem einzelnen Bürger zu gestalten, muss sich das Gemeinwesen nicht erst herablassen auf die Stufe irgendeines kommerziellen Interessenten, der – hoffentlich ehrlich – nur auf mein Geld aus ist. Im Rathaus geht es nämlich nicht in erster Linie um mein Geld, sondern um meine Stellung (und Verantwortung) als Bürger – und um alles was daraus folgt, vielleicht auch an finanziellen Hilfen und Ansprüchen.

Kundenzentrum – diese Aufschrift auf dem Rathaus entpolitisiert also den Raum der Politik und die Sphäre unserer gesellschaftlichen wie bürgerlichen Selbstorganisation. Deswegen sollte auf dem Rathaus auch in Zukunft – „Rathaus“ stehen. Denn nur wer aus dem Rathaus herauskommt, ist klüger als vor dem Eintritt.

P.S.: Nun aber noch die gute Nachricht aus dem „öffentlichen Raum“: Auf dem Hamburger (nicht: Altonaer) Rathausmarkt findet alljährlich das „Stuttgarter Weinfest“ statt. Dagegen will ich nicht weiter polemisieren, um nicht mit meinen Stuttgarter Freunden Streit zu bekommen. Aber der Rathausmarkt ist in diesen Tagen einfach zu, widerlich zu. Nun naht die Rettung. Im kommenden Jahr muss eine Gasse zwischen den Ständen freigehalten werden – damit der Eingang des Rathauses öffentlich sichtbar bleibt, von weitem. Ein Stückchen Rückgewinn also. Und wenn dann, wie angedroht, einige Ständen wg. mangelnder Umsatzchancen ganz wegbleiben: Umso besser. Dann gewinnen wir noch etwas zurück – von unserem öffentlichen Raum.

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