Natürlich kann man jetzt jedes Wort auf die Goldwaage legen: Hat die PDS sich nun hinreichend zerknirscht - rechtzeitig vor dem 40. Jahrestag des Mauerbaus am 13. August 1961? Vor allem aber rechtzeitig vor ihrem Versuch, in der einstmals von der SED vermauerten Stadt in eine demokratisch gewählte Koalitionsregierung einzurücken - und zwar, wie ihre Sprecher schon vorsorglich einmal verkünden, möglichst ohne die Grünen. Die Vereinigung allein mit der SPD - na, das hatte man ja schon einmal geübt…

Also, nun kann man jedes Wort auf die Goldwaage legen. Wenn man nur die Papierform nimmt, hat die PDS jetzt manches verkündet, was man ihr noch vor Wochen nicht zugetraut haben würde: dass die Mauer durch nichts zu rechtfertigen war, dass sie gewissermaßen un-sozialistisch gewesen sei usw. usf. Sie ging darin weiter, als es ihren Alt-Kadern jemals lieb sein konnte - sie blieb dabei hinter allem zurück, was eigentlich zu sagen gewesen wäre. Damit meine ich noch nicht einmal die ausgebliebene "Entschuldigung". Der Streit um dieses Wort wirkt auf mich wie ein Tanz um einen Fetisch. Und: Wenn es keine Kollektivschuld gibt, dann gibt es auch keine Kollektiventschuldigung. Im übrigen kann man sich nicht selber entschuldigen - entschulden, dass kann einen nur das Opfer.

Nein, das eigentliche Defizit liegt in der Vorstellung, man könne den Mauerbau als ein schlimmes Detail in der DDR- und SED-Geschichte isolieren, es kräftig verurteilen - und dann im übrigen mit sich selber identisch bleiben. (Das hat bei aller Schiefe des Vergleichs dieselbe Struktur wie das nicht minder oft gehörte: Hitler hatte ja irgendwie recht, nur das mit der Judenverfolgung hätte er lassen müssen...) Und das entspricht, wieder näher an der allerjüngsten Geschichte, der Redeweise, die in der "Stasi" ein Krebsgeschwür der SED-Herrschaft sieht, anstatt wahrzunehmen, dass es sich um das ziemlich gesunde Herz in einem insgesamt vollkommen kranken Körper handelte, der ohne diese Pumpe nie funktioniert haben würde. Und eben auch nicht ohne die Mauer. Die Mauer war nicht etwa eine dunkle Episode in der SED-Herrschaft, sondern die elementare Voraussetzung ihrer Fortdauer. Nicht die Mauer als Instrument war das eigentlich Böse, sondern die Herrschaft, die sich ihrer bediente. Es konnte keinen SED-Staat ohne Mauer geben.

Deswegen mag die PDS sich zur Mauer äußern, wie sie will - solange sie nicht das System verurteilt, das so angelegt war, dass die Menschen ihm nur davonlaufen konnten (wenn sie konnten), kommt jedes ihrer noch so strengen Worte über die Mauer dem Versuch gleich, die Maurer selber zu schonen - und damit ihre Erben.

Die Zeit für einen mauerlosen Kommunismus (oder Post-Kommunismus) ist nicht nur vorbei - es hat sie nie gegeben. Das sollten endlich alle erkennen: die PDS selber - wie all jene, die Entschuldigungen von ihr nur deshalb verlangen, weil sie möglichst bald mit ihr ins selbe politische Bett steigen wollen.

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