Die Lehrer der berufsbildenden Schule für Wirtschaft in Ludwigshafen verschickten kürzlich ganz besondere Post: Darin erklärten sie den Eltern, warum die Jugendlichen nachmittags so selten nach Hause kommen. Dass ihre Kinder freiwillig an einem Projekt arbeiteten, wollten die wenigsten glauben. An der Berufsschule, bekannt für ihren hohen Ausländeranteil und soziale Spannungen, stöhnten die Schüler sonst eher über den Unterricht. Und plötzlich sollte Lernen Spaß machen?

Die erklärungsbedürftige Begeisterung ist das Ergebnis eines Lehrkonzepts namens TheoPrax, das der Werkstoffkundler Peter Eyerer vor fünf Jahren ins Leben gerufen hat. Eyerer, im Hauptberuf Leiter des Fraunhofer-Instituts für Chemische Technologie im badischen Berghausen und Vater von sieben Kindern, wollte damit etwas gegen das "ewige Gejammere über das deutsche Bildungssystem" tun und die viel beklagte Kluft zwischen Schule, Wissenschaft und Berufspraxis überbrücken. Die Ludwigshafener Schule beispielsweise kooperiert mit der Pharmafirma Pfizer. Diese hatte die Schüler mit einer Umfrage zum Arzt-Patienten-Verhältnis beauftragt. Was bestimmt den ersten Eindruck in der Praxis, worauf achten die Patienten, was ist ihnen im Gespräch mit dem Arzt wichtig? Das sollten die Schüler in Interviews herausfinden.

"Wenn das nur eine Schulübung gewesen wäre", erzählt Klassenlehrerin Claudia Manstein, "dann hätten sich die Schüler dafür kaum begeistert. Aber die Tatsache, dass das ein echter Auftrag war, der auch bezahlt wurde - das hat ihnen den Kick gegeben." Plötzlich mussten die Schüler selbstständig Fragebögen entwerfen, sich über die statistische Auswertung Gedanken machen und eine überzeugende Abschlusspräsentation bei Pfizer organisieren. Dabei entdeckten die Jugendlichen so manches verborgene Talent - "die wussten alle gar nicht, was sie können", erzählt Lehrerin Manstein. Außerdem machten die Schüler die seltene Erfahrung, dass sich jemand für ihre Arbeit wirklich interessierte. Die Pharmafirma jedenfalls zeigte sich von der Studie, dick wie eine Diplomarbeit, höchst angetan. Erhielten die Jugendlichen doch bei der Umfrage in ihrem Bekanntenkreis zum Teil wesentlich offenere Antworten, als dies professionellen Meinungsforschern möglich gewesen wäre.

Rund 70 solcher TheoPrax-Projekte kann Peter Eyerer heute vorweisen. Rund 30 Schulen und fast 60 Firmen hat er zur Kooperation angeregt - seine Privatinitiative ist so erfolgreich, dass inzwischen bereits in acht Bundesländern TheoPrax-Zentren existieren. Doch die Bildungsoffensive aus Berghausen ist kein Einzelfall. In vielen deutschen Schulen werden derzeit ähnliche Modelle für einen praxisnahen Unterricht erprobt. Aufgeschreckt vom dramatischen Nachwuchsmangel, insbesondere in den Naturwissenschaften, haben Lehrer, Wissenschaftler und Unternehmer der täglichen Langeweile im Klassenzimmer den Kampf angesagt. Statt dröger Fakten wollen sie den Schülern Begeisterung am eigenen Denken vermitteln; statt über Technikfeindlichkeit zu lamentieren, lassen sie die Jugendlichen in "Mitmachlaboren" forschen; und statt auf die große Bildungsreform von oben zu warten, setzen sie auf unkonventionelle Ideen und Selbsthilfe von unten.

Da staunt der Didaktiker

Im Rahmen des Programms NaT-Working, das von der Robert-Bosch-Stiftung ins Leben gerufen wurde, bauen Jugendliche mit Stuttgarter Kybernetikern kleine Lego-Roboter, sie starten mit Tübinger Geologen zu Exkursionen ins Feld oder lösen an der Universität Duisburg mathematische Probleme "im sokratischen Dialog". Unter dem Motto "Hands-on Universe" laden Münchner Schulen die aktuellen Beobachtungsdaten eines weltweiten Teleskopnetzes aus dem Internet, um den Physikunterricht zu bereichern, in Ulm entwirft das Netzwerk Universität, Gymnasien, Industrie (Nugi) Pläne für einen zeitgemäßeren Biologieunterricht, und die Berliner Initiative "Das fliegende Lehrerzimmer" will künftig Pädagogen an Bord eines Flugzeugobservatoriums in Astronomie weiterbilden. "So etwas hat es in der deutschen Bildungslandschaft noch nicht gegeben", staunt Manfred Euler vom Kieler Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften über die plötzliche Aufbruchsstimmung.

Fast unüberschaubar ist die Zahl der Modellversuche mittlerweile, die enthusiastisch (und mitunter ein wenig hemdsärmelig) Alternativen zum herkömmlichen Frontalunterricht entwerfen. Da ist von der "entfesselten Lehre" und dem "Mut zur inneren Revolution" die Rede, und fast scheint es, als habe die pädagogische Basis längst jene überholt, die eigentlich an der Spitze der Bewegung stehen müssten: Bildungspolitiker und Fachdidaktiker reiben sich angesichts der Reformkonzepte Marke Eigenbau verwundert die Augen.