Einmal hat Jean-Jacques Sempé einen Schmetterling gerettet, der in einen Swimmingpool gefallen war. Er hob ihn vorsichtig aus dem Wasser; leider trat er dabei auf eine Ameisenstraße. Er schlug die Ameisen mit dem Schuh tot, um ihnen ein qualvolles Sterben zu ersparen. Inzwischen war der Schmetterling zurück ins Wasser geflattert. Sempé fischte ihn heraus und riss ihm dabei einen Flügel ab. Das war das Ende seiner humanen Mission. Er lächelt nicht, während er davon erzählt.

Es ist bezeichnend, dass er von den Insekten spricht, wenn es um Leid und Mitgefühl geht. Viele seiner Zeichnungen wirken, als beuge sich ein Forscher mit der Lupe über einen Ameisenstaat. Jedoch, jede Einzelameise besitzt Würde, Stolz und Courage. Und alle haben dieselbe Botschaft an den Betrachter: "Machen Sie nicht den Fehler, mich mit den anderen zu verwechseln!"

Sempés Weltruhm beruht auf seiner Kunst, den Kampf zwischen Mikro- und Makrokosmos immer neu zu fassen. "Ich halte", sagt er, "die Menschen für sehr tapfer. Das Leben ist eigentlich zu schwer für uns. Immerzu müssen wir Ängste überwinden. Aus diesen Ängsten schöpfen wir ungeheure Kräfte. Und diese Kräfte können sehr komisch sein. Ich hoffe, dass man meine Zeichnungen nicht als einen Ausdruck von Schadenfreude missversteht. Es ist nicht mein Ziel, mich lustig zu machen über die Menschen."

Was also ist sein Ziel? Vielleicht dies: Überblick zu gewinnen. "Ich zeichne", sagt Sempé, "weil ich mich nicht verstehe und weil ich die Welt nicht verstehe. Das Panorama gibt mir die Möglichkeit, ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen."

Seine großen Formate sind immer beides zugleich, Ameisenwitz und Menschentragödie. Sein Witz ist eine Sache der Höhenunterschiede. Wenn zwei Autos auf einer Dorfkreuzung zusammenstoßen, ist das ein unglücklicher Zufall. Sehen wir den Unfall aus 100 Meter Höhe, wirkt er wie ein Slapstick der Vorsehung: Im Dorf waren nur zwei Autos unterwegs, und die haben sich nun, im Crash, gefunden. Aus 500 Meter Höhe wirkt der Unfall tragisch: Wir sehen am Bildrand die Häuser der beiden Unfallgegner, Häuser, in denen Familien warten und das Essen auf dem Tisch steht.

Sempés Lieblingssujet ist das ungleiche Duell, der Kampf des Einzelnen gegen Übermächte: der Dirigent gegen das Orchester. Der Betende gegen Gott. Der Hund gegen die Herde. Der General gegen die Truppe. Der Flic gegen den Boulevard. Der Sonntagsmaler gegen das Meer. Und immer wieder Herr Jedermann gegen Gevatter Tod.

Seine Figuren sind mitten in der Banlieue vom Tode umfangen. Ein Mann sitzt in seinem Gartenhaus und spielt, kalten Schweiß auf der Stirn, die entscheidende Schachpartie gegen einen Herrn mit schwarzer Kutte und Sense. Der Schnitter ist einfach mal vorbeigekommen, am hellen Mittag. Schon hat der arme Sterbliche die Dame und sämtliche Türme verloren, da ruft seine Gattin fröhlich aus der Küche: "Essen ist fertig." Wie tröstlich ist dagegen dieses Bild von einem, der das Schlimmste überstanden hat: ein Grabstein mit dem Emailporträt eines verwegen lächelnden Herrn. Darunter Geburts- und Sterbedatum. Und ganz unten: "Ende des ersten Teils".