Piercen geht noch nicht. Wer gepiercte Spitzenpolitiker herstellt, nachmacht oder in Umlauf bringt wie vor zwei Jahren das Erotikmagazin Peep, als es eine Schröder-Puppe mit Sadomaso-Accessoires versah und auf eine Kellnerin hetzte, muss mit Resten moralischer Erregung bis hin zu juristischen Konsequenzen rechnen. An die Brustwarzen des Bundeskanzlers will keiner öffentlich erinnert werden, am wenigsten er selbst.

Hingemetzelt zu werden dagegen ist nichts Ehrenrühriges - es hat sogar Zukunft. Schon vor der Ausstrahlung von CelebrityDeathmatch, dem in den USA beliebten, jetzt auch in deutscher Variante ausgestrahlten MTV-Knetfigurenmassaker, kam Entwarnung aus dem Kanzleramt: "Gespannt" sei man auf diesen Event, bei dem - neben vielen anderen letal verlaufenden Prominenten-Showdowns - am Freitag letzter Woche ein modellierter Joschka Fischer einen ebensolchen Schröder mit Pflastersteinen attackierte. Knet-Schröder bombte Knet-Fischer dafür lustig aus dem Ring, und bloß der echte Peter Struck, der zuvor Bedenken getragen hatte, sah im Nachhinein alt aus - wer wird denn keinen Humor haben? Das ist doch gar nicht unser Politikstil!

Kulturkritisch rumnörgeln heißt nämlich, das Prinzip Celebrity nicht verstanden zu haben, mit "Berühmtheit" nur unzureichend übersetzt: Celebritys sind Personen des öffentlichen Lebens, die von der Aufmerksamkeit leben. Schon deshalb müssen sie froh sein, wenn sie sie auch bekommen. Im Gegenzug hat ihre mediale Ausstrahlung die Betroffenen völlig von ihren - oft durchaus handwerklichen - Fähigkeiten emanzipiert: Unerreichbar von Argument und Vernunft leben sie in einer Welt der Per-se-Prominenz, was natürlich in Pop, Politik und Sport gleichermaßen praktisch ist. Man denke nur an Madonna, die Celebrity aller Celebritys: klotzt einfach 150 Tonnen Schrott auf die Bühne, sich selbst mittenrein, und erklärt das Ganze zur Show. Resultat: Massenhysterie.

Noch arbeitet die Politik an solchen Werten, aber die Lektion mit dem Lächeln, die hat man gelernt, und die Jugend soll auch nicht verprellt werden. Gerne wird dafür eine gewisse Strapazierfähigkeit an den Tag gelegt. Celebritys sind nämlich auch Gefühlsdummys für die weniger salonfähigen Regungen des Publikums, Sadismen inbegriffen. Einmal die vollständige Unterwerfung Sabrina Setlurs erleben, einmal Joschka Fischer in Fetzen sehen, am besten ganz ohne sichtbare Eigenbeteiligung - so viel Splatter muss sein im Circus maximus der Medienmoderne, schon aus Gründen der Psychohygiene. Und ist der "Todeskampf der Promipuppen", wie MTV für sein Produkt wirbt, am Ende nicht bloß eine etwas drastifizierte Variante von Sabine Christiansens quotenstarker Gladiatorensendung? Auch in dem Punkt kann man viel von Amerika lernen: Wer eine gute Figur in der Arena macht, ist auf dem Weg zur Celebrity. Wer seine eigene Hinrichtung überlebt, hat's geschafft.