Geduld hat Joseph Itskovitz nur bei der Laborarbeit. Wenn es um Entscheidungen geht, verlässt ihn die Langmut schnell - und die Deutschen strapazieren ihn im Moment besonders. "Fürchterlich", seufzt der Israeli und feuert ein paar Papiere in die Aktentasche. "Warum dauert das bei euch so lange?" Dann rutscht er im Saal der ehrwürdigen Londoner Royal Society noch etwas tiefer in seinen Stuhl. "Es ist doch alles erlaubt, die können doch anfangen", sagt er noch, aber mit einem Ohr horcht er bereits nach links, wo sein schottischer Kollege Austin Smith über die Dressur von Embryozellen zu medizinisch nutzbarem Ersatzgewebe diskutiert.

Die Zucht solcher Ersatzzellen würde Itskovitz gern auch mit den Bonner Neuroforschern Oliver Brüstle und Otmar Wiestler beginnen. Gerade hat er dem fachgelehrten Auditorium vorgeführt, wie künftig verbreiteten Leiden mithilfe embryonaler Stammzellen (ES) Einhalt geboten werden könnte. In seinen Labors am Rambam Medical Center, dem akademischen Krankenhaus des Israel Institute of Technology (Technion) in Haifa, hat er aus embryonalen Stammzellen nicht nur Insulin produzierende Zellen gezüchtet, die denen in der menschlichen Bauchspeicheldrüse gleichen. Seinem Team sei inzwischen auch die Züchtung von Herzmuskelzellen gelungen, gab Itskovitz der Zuhörerschaft bekannt. Diese Zellen hätten sich in seinen Kulturschalen miteinander verbunden und elektrisch gekoppelt. Und dann begannen sie - wie im Herzen - sich rhythmisch zu kontrahieren. Itskovitz' Kollege Nissim Benvenisty von der Hebräischen Universität in Jerusalem trat den Beweis mit einem Videofilm an: Auf der Leinwand erschienen regelmäßig pumpende Zellkügelchen.

Auf solche Nachrichten hat Michael Ruhl gerade gewartet. Der Chef der deutschen Bio-Tech-Firma Cardion möchte mit genau diesen Zellen neue Therapien für Diabetiker und Herzkranke entwickeln. Seit Monaten antichambriert das Unternehmen bei dem Israeli, doch angesprochen auf den Stand der Verhandlungen, halten sich beide Seiten bedeckt. Verträge mit Firmen seien eben immer kompliziert, sagt Itskovitz nur. Seine ES-Zellen sind derzeit in aller Welt höchst begehrt, vor allem weil er und seine Klinik die Verwertungsrechte selbst in der Hand haben.

Der Gynäkologe gehörte zu einer internationalen Truppe, der vor drei Jahren erstmals die Herstellung menschlicher ES-Zellen aus überzähligen Retortenembryonen gelang. Allerdings wurde die Arbeit von der US-Firma Geron finanziert, und daher besitzt das Unternehmen auch sämtliche Rechte an den Zellen. Die Geschäftsbedingungen der Geron-Manager sind indessen herb. Wer sich auf die Zusammenarbeit mit den Amerikanern einlasse, heißt es unter den Stammzellforschern, dürfe im Grunde bloß Auftragsforschung für Geron leisten. Itskovitz hat daher eigene ES-Zelllinien hergestellt. "Nun haben wir Geron vom Hals", sagt er, "ich kann frei verhandeln."

Um Abhängigkeit von Geron zu vermeiden, möchten auch Oliver Brüstle und Otmar Wiestler lieber mit Itskovitz ins Geschäft kommen. Aber sie ahnen, dass sie zu spät dran sein könnten. Die Bonner wollen die umstrittenen Zellen importieren, um verschiedene Typen menschlicher Nervenzellen zu züchten. Damit sollen dereinst MS-Kranke oder Parkinson-Patienten behandelt werden. Die Sache wurde publik, als der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement während einer Israelreise seine Unterstützung für das Forschungsvorhaben zusagte. Seither schlagen die Wellen hoch. Unter dem Druck der aufgeschreckten Politik verschob die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die Entscheidung über die Finanzierung des Projekts auf den Herbst. Bis dahin, so wollen es Kanzler und Regierung, soll der Nationale Ethikrat zur Importfrage sein Votum abgeben. Die israelischen Forscher schütteln über derlei Umständlichkeiten bei einem legalen Forschungsprojekt den Kopf - und Brüstle fürchtet zu Recht, dass ihm die Zeit und auch Itskovitz davonlaufen. "Eine andere Universität oder ein privates Unternehmen könnte den Zuschlag erhalten."

Derweil wird munter weiter gestritten - Motto: Hauptsache, die Ideologie stimmt. Die FAZ hielt Brüstle ein - im Grunde pflichtgemäß beantragtes - Patent zur Züchtung von Nervenzellen aus ES-Zellen vor und unterstellte ihm unterschwellig finanzielle Interessen bei der Stammzellforschung. Seither ist für Brüstle Schluss mit lustig: "Das war unter der Gürtellinie!" Nicht nur war der Patentantrag allseits bekannt, zum Kronzeugen erhob das Frankfurter Blatt ausgerechnet einen Düsseldorfer Mediziner, der mit seinem eigenen Unternehmen die kommerzielle Verwertung adulter Stammzellen aus Nabelschnurblut anstrebt. Die DFG schickte prompt eine Ehrenerklärung für Brüstle nach Frankfurt und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, heißt es in der Forscherszene, musste emsig telefonieren, um den Flurschaden zu bereinigen.

Dabei zeichnet sich ein Ja zum Zellimport längst ab. Forschungsministerin Bulmahn hat Zustimmung signalisiert, und das SPD-Präsidium lehnte am Montag das von der CDU geforderte Verbot ab. Mit dem Verweis, der Import sei und bleibe legal, gab die Regierungspartei den Forschern implizit Rückendeckung. Bloß, warum er seine Stammzellen nun trotzdem nicht nach Deutschland schicken darf, das versteht Itskovitz noch immer nicht.