Alpe d'Huez. Im Winter, selbst bei Schnee und Eis, ist die D 211 eher ungefährlich. Die Serpentinenkurven sind flach und breit in den Fels geschnitten. Der Räumdienst pflegt sorgfältig die Steigungen. Oben, 14 Straßenkilometer und 1100 Höhenmeter über dem Talgrund, liegt eine Feriengroßstadt mit 32 000 Betten und entsprechend vielen Wintersportlern, von denen immerzu einer mit dem Auto über die D 211 an- oder abreist. Kein Skifahrer würde je auf die Idee kommen, die Straße im Schuss abzufahren.

Im Sommer aber, wenn die Alpe wie ausgestorben wirkt, ist Vorsicht geboten. Sobald die Wiesen grün sind, nehmen Radfahrer im High-Tech-Dress die legendäre Bergstrecke in Besitz. Im Morgengrauen, bei Regen, unter flirrender Sommerhitze, tags und nachts strampeln sie wie ein knallbunter Ameisenzug die Alpe d'Huez hinauf, die Augen stur auf den Tacho gerichtet und bis zum Ziel an der Bergwassertränke immer wieder am Rand der Verzweiflung. Langsam hinauf, mit surrender Kette im Schusstempo hinab. Dies ist der Berg der Wahrheit: Wer oben ankommt, der kann sich als Teil jener unfasslichen Welt fühlen, deren Götter Fausto Coppi, Bernard Hinault oder Marco Pantani heißen. Eine Stunde und drei Minuten haben die vier Sportsfreunde aus Laval gebraucht, der junge Mann mit Bart ein wenig länger: "Ich bin ganz ruhig gefahren, Tempo zehn. Mehr brauche ich nicht." Unterwegs ist er an einem 73-Jährigen vorbeigekommen, der zweieinhalb Stunden später ebenfalls eintrudelt. Arjan Vijvenberg, ein Krankenpfleger mit glatt rasierten Profibeinen, ist schon zum 26. Mal die D 211 hinaufgeradelt: heute in 59 Minuten, nicht seine Bestzeit. Er ist der Schnellste, den wir treffen. Marco Pantani, die "italienische Bergziege", hat den Aufstieg in 37 Minuten geschafft. Das war bei der Tour de France 1997, am Ende einer anstrengenden Tagesetappe durchs Gebirge, bei der er schon schätzungsweise 6000 Kalorien verbrannt hatte. Und dann noch die 14 Kilometer bergan mit durchschnittlich zehn Prozent Steigung bei 27 Stundenkilometern, und trotzdem doppelt so schnell wie die Amateurradler aus Laval - wie macht er das? "Mit Müsliriegeln und viel Wasser", feixt Arjan, "genau wie ich."

Vom Geschäft mit der Tour leben viele Männer auf der Alpe. Über Doping möchten sie lieber nichts hören. "Man liest da so manches", sagt Georges Rajon ausweichend und holt noch einen Krug Wasser aus der eigenen Quelle. 80 Jahre ist er alt, ein moderner Einöd-Opi mit Hühnern, Enten und Jeep vor seinem Chalet, das zwischen den Hotelhochhäusern liegt.

21-mal hat Rajon die Etappensieger schon unter seinem Balkon einfahren sehen. Er war es, der die Tour de France 1952 auf die damals noch fast unbebaute Bergstation holte. "Wir haben mit den Organisatoren eine Vernunftehe geschlossen", sagt er. Die Veranstalter kriegten den spektakulären Abschlussaufstieg von Bourg d'Oisans mit prächtigen Kamerakulissen - die Gastgeber dafür die Aufmerksamkeit von Zuschauern in aller Welt und vor allem 250 000 bis 300 000 Ausflügler in der besucherschwachen Sommersaison.

Der legendäre Fausto Coppi ist der einzige Radsportler, der in einem Jahr sowohl das Gelbe Trikot als auch die Tour insgesamt und die Etappe hinauf auf die Alpe d'Huez gewonnen hat. Das war 1952; eine Gedenktafel in der ersten Serpentinenkurve erinnert an die Meisterleistung, doch Georges Rajon muss sie immer wieder anschrauben - regelmäßig wird das Souvenir von Fans geklaut. Den Leuten von Alpe d'Huez ist das insgeheim nur recht: je mehr Kult, desto besser fürs Unternehmen Bergstation. Ob sich Coppi, der Dreifachsieger von 1952, auch gedopt hat?

In den fünfziger Jahren hat noch niemand solche lästigen Fragen gestellt. Wie sollten Radsportler das monotone Training, die kräftezehrenden Wettkämpfe denn ohne Aufputschmittel durchhalten? Bei ihnen war Doping ein Jahrhundert lang fast eine Selbstverständlichkeit. Mit ein paar bedauerlichen Zwischenfällen. Im Juli 1967 fiel der Brite Tom Simpson beim Aufstieg auf den Mont Ventoux tot vom Rad - ein Schock fürs Publikum. Im Blut hatte er eine Überdosis gleich mehrerer Aufputschmittel. Ein Toter im Wettkampf, im Dienste der Unterhaltungsindustrie - das machte einen hässlichen Fleck auf das Bild der Tour. Mit frommen Worten sollte er weggeredet werden und mit viel Quellwasser abgewaschen: Nur zu diesem Zweck musste das Radlerpeloton im Juli 1968 in der Wasserstadt Vittel losstrampeln, unter dem Motto "Tour de la santé" - das Gesundheitsrennen. Niemand sollte verkennen, dass es im Radsport so sauber und kristallklar zugehe wie in einer Mineralwasserflasche aus den Vogesen.