Die Frage ist nicht, ob Wunder geschehen, sondern, wer sie wirkt. Natürlich geschehen Wunder. Zum Beispiel, dass irische Familienväter, die jahrzehntelang kaum genug Geld hatten, ihren Kindern das Frühstück zu bezahlen, plötzlich Arbeit finden. Oder dass in den Vereinigten Staaten zehn Jahre lang die Wirtschaft wächst und am Ende die Armut zwar immer noch groß ist, aber immerhin so gering wie seit zwanzig Jahren nicht mehr. Solche Wunder. Wirtschaftswunder, wie sie in der Vergangenheit zu Dutzenden geschehen sind, überall auf der Welt. In Europa, in Amerika, in Asien.

Auch einmal in Deutschland, aber das ist lange her. In den fünfziger Jahren wuchs die deutsche Wirtschaft um durchschnittlich 8,1 Prozent im Jahr, in den Sechzigern um 4,8. In den Siebzigern waren es noch 3,1 Prozent, in den Achtzigern nur noch 1,8, in den Neunzigern 1,7. Gäbe es irgendwo auf der Welt ein riesiges Betonbecken, das all das Geld aufnimmt, das in Deutschland verdient wird, dann hätte der Zustrom mit der Zeit immer mehr an Kraft verloren. Im vergangenen Jahr schwoll er an. 3,0 Prozent Wachstum maßen die Statistiker - und dabei werde es dieses Jahr in etwa bleiben, prophezeiten die Prognostiker.

Sie irrten - und das nicht nur, weil der Schub aus Amerika nachließ. Fast wöchentlich revidieren die Wirtschaftsforscher nun ihre Vorhersagen nach unten und bestätigen damit die alte Diagnose. "Deutschland leidet unter einer Wachstumsschwäche", sagt der Potsdamer Wirtschaftsprofessor Paul Welfens. Wenn es diese nicht überwindet, bedeutet das: Armut, Verteilungskämpfe, Arbeitslose. Die Frage ist also: Wer ist der Wundertäter? Wer oder was könnte dafür sorgen, dass in Deutschland die Wirtschaft wieder stärker wächst?

Ein ebenso abwegiger wie eindrucksvoller Ort, die Suche nach der Antwort zu beginnen, ist ein backsteinbraunes Haus, so groß und mächtig wie eine Burg. Es steht in Bayern, in München, in der Kapuzinerstraße. Die Burg ist das Arbeitsamt, und dieser Umstand lässt seine Größe fast lächerlich erscheinen, weil es in dieser Stadt für die Bekämpfer der Arbeitslosigkeit wenig zu kämpfen gibt.

"Gäbe es doch zehn München"

"Gäbe es in Deutschland fünf oder zehn Städte wie München, dann wäre das Beschäftigungsproblem gelöst." Der das sagt, ist Erich Blume, 64, studierter Ökonom, seit 50 Jahren Münchner, seit Jahrzehnten Angestellter der Bundesanstalt für Arbeit, seit sechs Jahren Leiter des Arbeitsamts. Wenn er von seiner Datenbank Zahlen abhebt, geordnet nach Ort, Zeit, Alter, Geschlecht, Qualifikation, dann verknüpfen sie sich zu einer einzigen Antwort: München ist Deutschland verkehrt. Arbeitslosenquote: 3,7 Prozent, niedriger als in jeder anderen deutschen Großstadt. Verringerung der Arbeitslosenzahl in den vergangenen zwölf Monaten: 14,5 Prozent, mehr als in jeder anderen Großstadt. Zahl der staatlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen: 379, weniger als in jeder anderen Großstadt. Zahl der gemeldeten offenen Stellen: 27 294, mehr als in jeder anderen Großstadt.

Deutschland droht die Stagnation, München boomt. Seit Jahrzehnten präsentieren Ökonomen, Politiker, Interessenverbände und internationale Organisationen den Deutschen ähnliche Rezepte, um die Wirtschaft anzukurbeln. Da ist dann viel von Steuern die Rede, die zu senken sind. Von Zinsen, die zu senken sind. Von Niedriglöhnen, die möglich gemacht werden müssen. Zudem seien die Ladenöffnungszeiten auszuweiten, der Kündigungsschutz zu lockern, die Arbeitszeit zu flexibilisieren.