In dieser Woche feiere ich zugleich Abschied und Neuanfang. Seit neun Jahren spiele ich die weibliche Hauptrolle im Phantom der Oper, und nun rückt der Tag immer näher, an dem sich der Vorhang zum letzten Mal öffnen wird.

Trotzdem versuche ich die Routine beizubehalten, die ich mir in den letzten Jahren angewöhnt habe: Gymnastik, Schminke, Maske, Perücke, alles soll laufen wie gewohnt.

Am DONNERSTAG stehe ich früh auf, denn ich habe noch viele Dinge zu erledigen, die mit unserer letzten Aufführung am Samstag zu tun haben. Ich möchte auf jeden Fall Karten schreiben und Geschenke kaufen für diejenigen, die mich in den letzten Jahren vor und während meiner Auftritte unterstützt haben. Die übrige Zeit des Tages verbringe ich damit, mich zu entspannen, indem ich spazieren gehe und mir etwas Gesundes koche. Es ist wichtig, dass ich trotz der Aufregung genug esse, denn die Rolle der Christine ist auch körperlich sehr anstrengend. Meine größte Sorge ist, dass ich womöglich meine Stimme verliere und in der letzten Vorführung gar nicht auftreten kann. Aber trotzdem gebe ich zur heutigen Aufführung um 20 Uhr wie immer alles.

Am FREITAG beginne ich den Tag wie meistens zwischen elf und zwölf Uhr. Am Vorabend ist es wieder spät geworden, denn die Vorstellung endet erst gegen 22.40 Uhr, und ich schaffe es praktisch nie, dann direkt ins Bett zu gehen.

Meistens sitzen wir noch gemeinsam im Backstagebereich und reden. Unser Hauptthema ist natürlich im Moment die Frage, ob es anderswo mit dem Phantom weitergehen wird. Um 20 Uhr beginnt die vorletzte Vorstellung. Seit bekannt wurde, dass das Stück abgesetzt wird, ist die Nachfrage wieder so gestiegen, dass das Haus komplett ausgebucht ist.

SAMSTAG ist der Tag, vor dem ich mich ein wenig fürchte. Die Routine gibt mir hoffentlich Halt und einen freien Kopf für den Auftritt. Zwei Stunden vor der Show gehe ich in die Neue Flora, wo das Stück seit elf Jahren gespielt wird.

Ich singe mich eine halbe Stunde lang ein.