Vor Thomas Middelhoff ist in Gütersloh kein Besitzstand mehr sicher. Der Chef von Bertelsmann stellt alles Mögliche infrage: Ist die Music Group allein stark genug, oder muss man sie mit einem anderen Unternehmen verschmelzen? Was bringen die Berliner Zeitung und die Financial Times Deutschland außer Verlusten? Lassen sie sich gegen ein paar Prozente an der RTL Group eintauschen? Alles tut der Stratege, um im Wettlauf der Medienkonzerne mitzuhalten. Statt eines Fernsehsenders müssen es Senderfamilien sein, dazu Plattenfirmen und Zeitschriften, diesseits wie jenseits des Atlantiks. Klein bedeutet krämerisch, groß bedeutet verheißungsvoll.

Das Vorbild ist in Amerika herangewachsen. Vor eineinhalb Jahren übernahm dort AOL, der größte Anbieter von Internet-Zugängen auf der Welt, den Medienkonzern Time Warner für 143 Milliarden Dollar in Aktien. Seither gilt das Projekt als entscheidender Feldversuch für die Idee einer neuen, globalen Medienwirtschaft.

Die besagt, dass am Ende gewinnt, wer die meisten Autoren, Sänger oder Schauspieler beschäftigt und die größten Archive besitzt. "Wir sind ein Content-Powerhouse", prahlt Middelhoff gern und meint, er sei dem großen Ziel schon recht nahe. Wenn die Inhalte sich dann auch noch global vermarkten ließen wie Madonna und amerikanische Kinofilme, wäre es noch besser. Dann erst zündet in der Theorie der neuen Medienökonomie ihr eigentlicher Supertreibstoff: Konvergenz, kombiniert mit dem Internet. Konvergenz beschreibt das Ende technischer Schranken: Schreibmaschine, Zelluloid, Magnetband. Das war alles gestern. Morgen existiert nur noch ein digitaler Datenstrom, egal ob ein Zeitungsartikel entsteht, ein Film gedreht oder ein Lied aufgenommen wird. Das Szenario ist schon älter, nun soll es real werden - die digitale Technik, kombiniert mit den digitalen Netzen, soll Synergien und Geschäfte ganz neuer Dimension eröffnen. Das und nichts anderes ist die Botschaft von Steve Case, ehemals Chef von AOL und jetzt Chairman AOL Time Warner: "Zugrunde liegt der Glaube, dass in der Konvergenz große Potenziale liegen."

Ihr Ziel vor Augen, handeln die Mediengiganten, als spielten sie Blitzschach.

Die Bertelsmänner haben den Internet-Händler CD Now erworben, das Online-Medienkaufhaus Bol gegründet und kürzlich den Buchclubs untergeordnet, die größte Agentur für Sportrechte in Europa geschaffen, sind aus dem Bezahlfernsehen ausgestiegen und haben dafür die Mehrheit an der RTL Group übernommen.

Middelhoff treibt vor allem der Blick auf Steve Case an, der zugleich sein größter Wettbewerber und ein persönlicher Freund ist. Nur haben sie die Rollen getauscht. Als sie sich kennen lernten, war AOL ein Start-up und Middelhoff Manager eines etablierten Medienunternehmens. Doch die rasant steigende Zahl der Abonnenten und die Euphorie an den Börsen drückten Case nach oben, bis er durch die Fusion mit Time Warner den größten Medienkonzern der Welt schaffen konnte. Seither verdient Case mit, wenn Madonna singt, R.E.M. auf Tour geht oder Eric Clapton eine Platte einspielt - sie alle sind bei der Warner Music Group unter Vertrag. Hinzu kommt das Hollywoodstudio Warner Bros., das unter anderem die Rechte an dem Kinderbuchhelden Harry Potter erworben hat, und der Verlag um die Magazine Time, People und Sports Illustrated. Nicht zu vergessen die monatlichen Gebühren jener 13 Millionen Amerikaner, die von Time Warner Entertainment ihr Kabelfernsehen beziehen.

Case brachte seinerseits 29 Millionen AOL- und drei Millionen Compuserve-Abonnenten mit in die Fusion.