Der schmächtige mazedonische Polizist Branko trägt einen Stahlhelm und eine kugelsichere Weste. Er ist müde und hungrig, weil er bis vor wenigen Stunden noch in Aracinovo gegen die albanischen Rebellen gekämpft hat. Seine zwei Jahre alte Tochter hat er seit vier Monaten nicht mehr gesehen. So lange ist Branko schon im Einsatz gegen die UÇK. Er steht vor dem Parlament, sein Blick ist auf die Menge gerichtet, die gegen die Absperrungen drückt, Spottlieder singt und die Fäuste in die Luft reckt. Es werden immer mehr Menschen, und immer lauter wird ihr Geschrei an diesem späten Montagabend in Skopje.

"Wir hatten Aracinovo schon eingenommen. Aber dann kam der Befehl zum Rückzug", sagt Branko, "denn plötzlich hieß es Waffenstillstand!" Der Befehl kam von den Leuten, die jetzt im Parlamentsgebäude zusammensitzen und beraten: die mazedonische Regierung. Nun muss Branko sie vor den antialbanischen Demonstranten schützen.

Der Waffenstillstand hat die Menschen auf die Straße getrieben und die mazedonisch-albanische Koalitionsregierung in die tiefste Krise seit ihrem Bestehen gestürzt. Auf dem Papier sah ja alles gut aus: Die UÇK zieht sich aus Aracinovo zurück, die Gefahr ist gebannt. Aracinovo liegt nur wenige Kilometer von der Hauptstadt entfernt, sehr nahe am Flughafen. Solange die Rebellen den Ort halten konnten, war es ihnen ein Leichtes, Skopje und damit ganz Mazedonien in Atem zu halten. Eine Angriffsdrohung des lokalen UÇK-Kommandanten Hoxha genügte, und die Bewohner der Stadt bereiteten sich auf einen Krieg vor, horteten Öl, Reis und Mehl, hoben ihre Ersparnisse von den Banken ab, standen bei den ausländischen Botschaften Schlange. Nun also war Aracinovo befriedet, Ruhe sollte in Skopje einkehren und Zuversicht - aber das Gegenteil trat ein: Mazedonien steht kurz vor dem totalen Bürgerkrieg.

Auch Ilinka Mitreva wird diesen Montag nicht so rasch vergessen. Die mazedonische Außenministerin war nach Luxemburg gereist, wo die EU-Kollegen ihr gründlich den Kopf wuschen. Die mazedonische Regierung sollte eigentlich bei diesem Treffen einen Lösungsvorschlag für den Konflikt präsentieren. Ihr Land, so zürnten die Außenminister, habe seine Versprechungen nicht eingelöst. "Wir erwarteten einen Bericht, aber da tat sich nicht viel.

Stattdessen erleben wir eine Verschlechterung der Lage", hielt Schwedens Anna Lindh der Mazedonierin vor. Kleinlaut nahm Mitreva die Rüge mit auf den Rückweg. EU-Kommissar Chris Patten warnte Mitreva vor eingeschaltetem Mikrofon: Die EU-Hilfen "dürfen nicht für Bomben und Raketen ausgegeben werden" - eine Anspielung auf die Kampfhubschrauber und Flugzeuge, die sich das arme Land neuerdings leistet. Die EU unterstützt Mazedonien mit humanitärer Hilfe in Höhe von 42 Millionen Euro

dazu kamen im vergangenen Jahr noch 80 Millionen Euro an Zuschüssen für den Staatshaushalt. Das Assoziierungsabkommen vom April öffnet Mazedonien zudem manche EU-Märkte - und die Aussicht, in zehn Jahren Mitglied der Gemeinschaft zu werden. Es wird aber in EU-Kreisen geschätzt, dass Mazedonien derzeit rund 200 Millionen Euro für Waffenkäufe ausgibt. Energischer als bisher will Brüssel darum seine finanzielle Hilfe an politische Bedingungen knüpfen. Joschka Fischer erlaubte am Montag keine Deutelei: "Die Probleme sind militärisch nicht zu lösen."

Dabei war es die Nato gewesen, die laut über eine Intervention nachgedacht hatte. Am vorvergangenen Mittwoch beschloss sie ein Einsatzkonzept. Man war sich im Nato-Rat schnell einig geworden. Der Rat reagierte auf eine dringende Bitte des mazedonischen Präsidenten Boris Trajkovski. Der Plan: Eine Task-Force in Brigadengröße, rund 3000 Soldaten, sollte schnell nach Mazedonien verlegt werden, um dort über 30 Tage hinweg die Waffen der Rebellen einzusammeln. Am Montag dieser Woche arbeiteten die Militärplaner in Brüssel fieberhaft an den Einzelheiten. Allerdings hatte das Bündnis einige Bedingungen gestellt: einen landesweiten Waffenstillstand