Angelina Jolie steht nicht im Verdacht, eine Replikantin zu sein. Sie ist ein Mensch, ist von Beruf Schauspielerin und verkörpert jetzt in Fleisch und Blut eine Figur, deren Körper bisher nur als wohl geformter Polygonenhaufen bekannt war. Während anderswo im Kino die Fantasien von künstlichen Menschen sprießen, wird in Tomb Raider der so genannte virtuelle Star Lara Croft nachträglich naturalisiert. Seit vier Jahren ist die Computerspiel-Heldin allen Angeschlossenen vor Konsole und Tastatur zu Willen. Unter der Regie von Simon West kann sie nun ihr Schicksal scheinbar selbst in die Hand nehmen.

Von Anhängern, die regelmäßig mit ihr Umgang hatten, rückt sie damit ab. Sie lässt sich nicht mehr beliebig beherrschen, nur noch beobachten. Laras wachsende Freiheit bezahlt der frühere Nutzer also mit größerer Unfreiheit.

Sie hört nicht mehr auf sein Kommando. Ihm sind die Hände gebunden. Was hat er davon? Nichts.

Denn Lara nutzt die Freiheit kaum dazu, aus ihrer Rolle auszubrechen. Sie tut im Prinzip bloß, was sie immer schon getan hat, schlagen, schießen, rennen, springen, nur eben selbstbestimmt. Dabei sitzt der Film gewissermaßen einem humanistischen Trugschluss auf, der auch im Slogan steckt "Genug gespielt - hier ist die wahre Lara Croft". Lara wird nicht wahrer, indem sie "menschlicher" wird. Es stimmt zwar, dass die computeranimierte Lara Croft auch durch ihre vergleichsweise realistischen Bewegungen Kasse machte. Doch faszinierend war eben das Naturnahe im Rechnergeschöpf

jede naturnahe Schauspielerin kann dagegen nur verlieren, davon gibt es schließlich genug.

Tomb Raider mag als Film ein gutes und sicheres Geschäft sein. Er ist aber nicht die Erfüllung der Lara-Croft-Fantasien, eher verhält er sich dazu wie eine Art Abwehrzauber, ein ängstliches War-es-nicht-das-was-ihr-Wolltet?

Nein, das war es nicht. Lara Croft hat gezeigt, wie leicht sich das Begehren potenzieller Fans von einem echten Star auf einen imaginären umlenken lässt.