Nehmen wir an, ein Mensch des Jahres 1926 liest in der Zeitung von der Eröffnung eines privaten Forschungsinstituts in Hamburg. K. B. W. ist der Name: Kulturwissenschaftliche Bibliothek Warburg. Als Leiter und Eigentümer figuriert ein Professor Aby Warburg, promovierter Kunsthistoriker, jetzt "Kulturwissenschaftler". Unser Mensch möchte etwas von diesem Warburg lesen.

Sein Buchhändler sagt, er könne ihm eine Publikation besorgen: Heidnischantikische Weissagung in Wort und Bild zu Luthers Zeiten, ein Sitzungsbericht der Heidelberger Akademie für 4,50 Mark, mit anderen Worten nicht gerade eine attraktive Literaturgattung. Ob es sich um einen jungen Wissenschaftler handele? Nein, der Mann sei Jahrgang 1866. Die Bücherregister aus der Zeit vor dem großen Krieg werden aufgeschlagen und verzeichnen - auch nicht viel: eine schmale Dissertation von 1893 über Botticelli und eine kleine Publikation über Bildniskunst und florentinisches Bürgertum aus dem Jahr 1902. Nichts deutet darauf hin, dass er es in Aby Warburg mit einer Gründerfigur der Kunstwissenschaft des 20. Jahrhunderts zu tun hat, die auf einem umfassenden kulturanthropologischen Wissen vom Menschen beruht.

Der kleine Antennerich

Der Mensch von 1926 entschließt sich, der Person selbst auf den Grund zu gehen, und findet unter der angegebenen Adresse in der Heilwigstraße, inmitten der feinen Bürgerhäuser, einen Fremdkörper: ein vertikal geharktes, im roten Amtsbackstein des Stadtbaumeisters Fritz Schumacher errichtetes Haus mit drei monumentalen Buchstaben an der Fassade: KBW. Der Hausherr ist zur Stelle, ein untersetzter Mann mit kompaktem Schädel und sorgfältig gestutztem Schnäuzer, dem Typ nach eher auf den Promenaden von Meran oder Nizza anzutreffen, in dieser Ausprägung aber eine Seltenheit: ein reicher Mann, der für das Geld, das er nicht verdienen muss, hart arbeitet - als Wissenschaftler in eigenem Auftrag. Auch die Augen passen nicht zum gelassenen Habitus des Couponschneiders

ihr waches, ein wenig wehes Interesse verrät einen sensiblen Menschen, der sich seinen Mitarbeitern gegenüber als "der kleine Antennerich" charakterisiert.

Die Führung ist aufschlussreich. Dieses Institut, das aus der Privatbibliothek des Gründers hervorgegangen ist, kann schon durch Quantitatives bestechen: durch die Zahl der Bücher zu allen Bereichen der Kulturgeschichte (60 000, die meisten in Hamburg nur hier zu finden), durch modernste technische Apparaturen (26 Telefone, Büchertransportband und Rohrpost) und eine mit acht regulären Mitarbeitern und noch mal so vielen Teilzeitkräften nicht gerade knapp bemessene Personalausstattung. Aber das ist es nicht. Auch der Auftrag, den sich die Bibliothek gegeben hat, die Erforschung des Nachlebens der Antike, kann, muss aber nicht als faszinierende Option erscheinen.

Der Besucher von 1926 weiß, dass eine neue Phase der Institutionengeschichte eingesetzt hat. Überall entstehen jetzt Institute um Personen, um Ideen, um aktuelle Fragen herum, wie etwa das Frankfurter Institut für Sozialforschung, die quer zum Schema der Disziplinen liegen. Wenn der Besucher genügend "nervöses Auffangorgan" mitbringt - die im Hause Warburg am höchsten geschätzte Tugend -, wird er verstehen, dass die Qualitäten woanders liegen.