Es ist nur allzu menschlich: Auch Generäle wollen für ihre Erfolge gefeiert werden. Die aber bringt nun einmal der Krieg hervor. Und in heutiger Zeit ist der Sieger nicht immer automatisch auch ein Held. Wesley Clark, seinerzeit zugleich Saceur, Supreme Allied Commander, Europe, und Cinceur, Commander in Chief, European Command, also der Kommandant der Nato in Europa sowie der Kommandant der amerikanischen Truppen in Europa, wurde für den Sieg im Kosovo-Krieg kaum gerühmt. Das schmerzt. Die Erinnerung an Norman Schwarzkopf ist noch wach. Der durfte durch den Golfkrieg stürmen: "Stormy Norman" eben. Clark dagegen, so führt er bedauernd in sein Buch ein, war es "nie erlaubt", den Krieg auch nur Krieg zu nennen. Dies ist der Tenor seiner Erinnerungen: "Es war moderner Krieg, der erste Krieg in Europa in einem halben Jahrhundert und der erste, den die Nato je führte." Aber er, der Kommandant im Felde, wurde von allen Seiten gebremst: von den Regierungen der Nato-Staaten, von den Stabschefs im Pentagon, von Unilatealisten im amerikanischen Senat, von untergebenen Generälen.

Gut so, möchte man sagen. Wo kämen wir hin, wenn den Militärs Blankovollmachten ausgestellt würden? Doch müssen wir uns vor Augen halten, wes (guten) Geistes Kind dieser Clark ist. Ein hoch gebildeter, hoch intelligenter Viersternegeneral, der nichts von einem Kommisskopp, aber viel von einem Diplomaten hat. Nach dem Krieg wurde er alsbald in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Er war in Ungnade gefallen, weil er die Wahrheit über den "modernen Krieg" gesagt hatte. Diese Wahrheit hat er nun zu Papier gebracht.

Sie waren schon seinerzeit zu erahnen, die Gefahren dieses Krieges, nun werden die Vermutungen bestätigt. Erstens wurde - man ist versucht zu sagen, natürlich! - immer an einen Landkrieg gedacht. Clark widmet ein ganzes Kapitel der "Ground Option", schildert mit erstaunlicher Offenheit, wie er bereits am 8. April 1999, als die erste Phase des Luftkrieges noch nicht einmal richtig angelaufen war, die Möglichkeit einer Invasion Serbiens vom Norden her mit dem amerikanischen Topdiplomaten Strobe Talbott besprach. Und wie Talbott bleich wurde, da er befüchtete, ein Marsch auf Belgrad aus dieser Richtung würde die Regierung der Ukraine zum Kippen, Ungarn in größte Not bringen und womöglich einen regionalen Flächenbrand auslösen.

Zweitens war das Risiko einer kriegerischen Konfrontation mit den Russen weitaus größer, als die Medienberichte Anfang Juni 1999 erahnen ließen. Sie verharmlosten die rasche Verlegung einer russischen (friedenssichernden) Einheit von Bosnien in das Kosovo zu einer Art sportiven Leistung, als hätten die Russen bei einem Sportfest überall schlecht abgeschnitten, dann aber beim Staffellauf doch noch einmal Gold geholt.

"Sollten wir nicht wenigstens eine militärische Antwort auf dieses Vorgehen (der Russen) in Betracht ziehen?", fragte Clark im Pentagon an, wo ihm beschieden wurde, er solle einen Einsatz planen. Worauf Clark dem britischen KFor-Kommandanten, General Michael Jackson, befahl, er solle sich bereitmachen, den Flughafen von Prishtina in einer Luftlandeoperation einzunehmen.

Drittens macht Clark klar, dass es sich bei diesem Krieg um eine amerikanische Inszenierung handelte. Und dass die Regisseure im Pentagon und im Weißen Haus, eitel und zerstritten, ihr mit leichter Hand eine andere Wendung hätten geben können. Der "moderne Krieg" ist offenkundig denselben Prinzipien unterworfen wie die moderne Politik.

General Wesley K. Clark: Waging Modern War