Warum seine Frau sich von ihm scheiden ließ, darüber hat er als echter Blues-Mann immer geschwiegen. In der Garage allerdings stand neben dem Mercedes und dem Jaguar auch ein kleiner BMW. Ein "Spielzeug für die Damen", wie John Lee Hooker sich ausdrückte. Nicht umsonst hat der afroamerikanische Kulturkritiker Stanley Crouch ihn einen "Meister des erotischen Mantras" genannt.

Er war es spätestens seit seinem ersten Hit im Jahre 1948, Boogie Chillun.

Schon am nächsten Tag erschien John Lee Hooker, der damals in der Autostadt Detroit lebte und jobbte, nicht mehr zur Arbeit, hielt sich seitdem ausschließlich mit Blues-Musik über Wasser. Der Blues, den er sang, handelt von Triumph und Hohn, vom Sieg des Alltags über Verordnungen, Demütigungen, Diskriminierung und andere Widerwärtigkeiten - und eben gerade nicht von Niederlagen und Depression, wie Albert Murray, der Jahrhundertschriftsteller des Blues, ein verbreitetes Missverständnis kommentiert. Das Begehren vieler weißer Kritiker, die schwarze Musik von ihren vermeintlich seichten Ursprüngen im Tanzboden abzukapseln, bezeuge europhilen Provinzialismus.

"Let that boy boogie-woogie, it's in him and it got to come out!", singt Hooker selbst in Boogie Chillun, seinem Soundtrack zum Leben im Detroiter Schwarzenbezirk. Dabei kam er von den Baumwollfeldern des nordamerikanischen Südens, einer Gegend, wo man sich vor achtzig Jahren nicht besonders darum kümmerte, die Geburtsdaten schwarzer Kinder zu verzeichnen. Der Militärdienst war für viele schwarze Jugendliche der einzige Weg, der Perspektivlosigkeit des Alltags in der segregierten Community zu entkommen. Deshalb war es durchaus üblich, das Geburtsdatum gelegentlich etwas zurückzuverlegen, was spätere Schwankungen bei der Altersangabe erklärt. Als John Lee Hooker am vergangenen Donnerstag in seiner Wahlheimat Kalifornien starb, im Schlaf, wie die Agenturen meldeten, wird er zwischen 80 und 83 Jahre alt gewesen sein.

Hooker verkörperte als einer der ersten den selbstbewussten Lebensstil jener Afroamerikaner, die trotz jahrhundertelanger Entrechtung eine mutige, komplexe, lebensbejahende und -steigernde Kultur schufen. Dass sie sich in Sprache, Religion, Sport, Mode, Speisen, Tanz und Musik gleichermaßen ausdrückt und von jugendlichen Vorreitern fast schlagartig weltweit verstanden wurde, ist ihre Herausforderung an das Alte. Bekanntlich bestand Adorno auf minderer Kulturfähigkeit des Jazz: Er verweise die Schwarzen in die Schranken einer kollektiven Identität, was einer permanenten psychischen Vergewaltigung gleichkomme. Die Sehnsucht der Fans nach Andersheit sei eine verkappte Beleidigung, da die Urheber dieser Kultur zur ständigen Erinnerung ihres Sklavendaseins gezwungen würden. Das Rezeptionsverhalten weißer Delinquenten konnte er mit solchen Thesen allerdings nicht gängeln.

Eric Clapton, der unlängst noch eine Platte an Hookers Seite herausbrachte, ist nur einer von vielen, die genau spürten, dass sich mit dieser Musik das eigene Bedürfnis nach Rebellion zum Ausdruck bringen ließ. Hookers Musik diente weißen britischen Blues-Transformatoren wie John Mayall und Alexis Korner vor 40 Jahren als Projektionsfäche für subkulturelle Codes, mit denen der bürgerliche Mief laut und verzerrt gekontert wurde. Und ohne den Blues kein Rock 'n' Roll: Ob Beatles, Stones oder Animals, sie alle bedienten sich der Sounds Afro-Amerikas, erst auf diesem Umweg fand das breitere Publikum Geschmack an den Originalen. In den deutschen Liner-Notes zu den ersten Hooker-Platten ist noch von "primitiver Musik" die Rede - als so bedrohlich, rudimentär und radikal wurden die Songs der alten Blues-Männer damals hier wahrgenommen.

Hooker kam aus einfachsten Verhältnissen und rannte mit 14 von zu Hause weg, um sein Glück zu machen. Seine Eltern sah er nach eigenen Angaben nie wieder.