Grund zur Genugtuung? Zehn Jahre nachdem Slobodan Milosevic den ersten von vier blutigen Balkankriegen vom Zaune brach, hat die Belgrader Regierung beschlossen, den größten Kriegsverbrecher des ausgehenden 20. Jahrhunderts dem Haager Tribunal zu überstellen. Wer hätte dies vor zwölf Monaten zu hoffen gewagt? Dass in Serbien wie in Kroatien das Volk die Diktatur hinwegfegt? Dass in Bosnien und im Kosovo die Waffenruhe hält, sich gar demokratische Strukturen verfestigen?

Allerdings: Anlass zum Jubel besteht nicht. Der Balkan bleibt die gefährlichste Bruchzone unseres Erdteils. Vier Kriege, alle von Milosevic angezettelt, hat die Region erlebt: in Slowenien 1991, in Kroatien 1991 bis 1995, in Bosnien 1992 bis 1995, im Kosovo 1998/99. In Bosnien wie im Kosovo konnte der Konflikt am Ende nur durch massives Eingreifen der Nato beendet werden. Jetzt aber droht in Mazedonien ein fünfter Balkankrieg. Wieder einmal versucht die westliche Diplomatie, das Schlimmste abzuwenden. Und wiederum erscheint eine militärische Intervention als der einzige Ausweg.

Milosevic sitzt seit Anfang April hinter Gittern - noch in Belgrad, bald wohl schon in Scheveningen. Er wird sich für 200 000 Tote, drei Millionen Vertriebene zu verantworten haben. Am schlimmsten jedoch: Milosevic hat mit seinem aggressiven Großserbentum allenthalben nationalistische Gefühle hochgeputscht, die nun den Völkerzwist nähren.

Bisher haben sich Europäer und Amerikaner mit einer Politik des Durchwurstelns beholfen. Bloß keine endgültigen Regelungen, hieß der oberste Grundsatz - mit dem Ergebnis, dass auf der einen Seite die Ansprüche, auf der anderen die Befürchtungen sämtlicher Konfliktparteien verstärkt wurden. Aber diesem Grundsatz lag nichts anderes als die eigene Unentschiedenheit zugrunde. Was sollen wir eigentlich wollen: größere Vielvölkerstaaten oder aber immer kleinere, ethnisch immer reinere Einheiten? Ratlosigkeit wird hochtönend als constructive ambiguity verkauft, als aufbauende Zwielichtigkeit.

Möglichst schnell wieder weg, lautete ein anderes Prinzip - mit dem Resultat, dass die örtlichen Akteure ihren Ehrgeiz vorübergehend kaschierten, ohne ihren Fernzielen abzuschwören. Dabei wurde exit strategy - wie kommt man wieder heraus? - regelmäßig mit der Festlegung eines Abzugsdatums verwechselt. Ein Jahr lang sollte die Nato in Bosnien bleiben

nun sind fünfeinhalb Jahre vergangen, von den ursprünglich 60 000 Mann stehen immer noch 22 000 dort. Auch im Kosovo, wo die Staatengemeinschaft unter Führung der Nato 40 000 Mann postiert hat, ist an einen baldigen Abzug nicht zu denken. Und da bildet sich das Bündnis ein, es könne ein Eingreifen in Mazedonien auf 30 Tage befristen?

Ein weiterer Grundsatz lief darauf hinaus: Wir machen in erster Linie Politik gegen Milosevic, erst in zweiter Politik für den Balkan. Jetzt, wo er einsitzt, muss der Westen seine Balkanpolitik ganz neu begründen. Eine ewig bloß reaktive, stets improvisierte Strategie reicht nicht aus, schon gar nicht eine rein militärische. Wie der Schwede Carl Bildt, der UN-Sonderbeauftragte für den Balkan, unlängst pointierte: Was Not tut, sind nicht smart bombs, sondern smart policies - kluge Politik anstelle schlauer Bomben.