Ausgerechnet Brandenburg - jenes Bundesland, das noch am ehesten in der Erbfolge Preußens und seiner religiösen Toleranz stehen müsste! Ausgerechnet das Land Brandenburg steht als Beklagter vor dem Bundesverfassungsgericht - wegen mangelnder religiöser Toleranz. Am Dienstag fand - unziemlich spät, nebenbei gesagt - die mündliche Verhandlung in Karlsruhe statt, mit großem kirchlichen und politischen Aufgebot. Als einziges der neuen Länder hatte sich Brandenburg nach der Wiedervereinigung geweigert, dem Grundgesetz Folge zu leisten und den Artikel 7 Absatz 3 des Grundgesetzes anzuwenden: "Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen ... ordentliches Lehrfach."

Stattdessen wurde ein eigens vom Staat erfundenes Kombinationsfach LER (für Lebensgestaltung, Ethik, Religionskunde) eingeführt. Der konkrete Anlass der Verfassungsklage führt gewissermaßen in die Provinz, das eigentliche Thema ist von nationaler Bedeutung. Es geht nämlich um die Gretchenfrage: Wie hält es der Staat mit der Religion - an seinen Schulen und überhaupt?

Diesem Thema kann man sich auf zweierlei Weise nähern - antiquiert oder aktuell. Die antiquierte Version: Religion ist - altlinks betrachtet - Opium des Volkes, sie stirbt ab wie der Staat auch

weg damit. Altliberal betrachtet hingegen: Das Bündnis von Thron und Altar muss gesprengt werden, weg mit beidem. Ideologiekritik ist nur zu berechtigt. Auch eine seriöse Theologie ist nichts anderes als Ideologie- und überdies Kirchenkritik. Aber auch eine einstmals berechtigte Ideologiekritik kann ihrerseits selber zur Ideologie werden - was alsbald zu beweisen ist.

Die aktuelle Version des Themas hat nicht nur das geltende Verfassungsrecht auf ihrer Seite, sondern auch ein modernes Verständnis von Freiheit im weltanschaulich neutralen Staat

überdies eine moderne Interpretation der Trennung von Staat und Kirche. Außerdem geht sie von einem ganzheitlichen Bildungsbegriff aus und zielt damit ins Zentrum einer höchst aktuellen Debatte über die Rolle der Ethik in der zukunftsorientierten Politik.

Deutschland braucht sogar einen Nationalen Ethikrat. Aber wo kommt die Ethik her - wenn nicht aus einem ultimativen Nachdenken und aus einer jeweils persönlich verantworteten Entscheidung über die letzte Begründung der Frage: Was ist der Mensch an und für sich - und was darf der Mensch machen, mit sich und seinesgleichen, für sich und andere?