Rom in Berlin: Am Beginn der Ausstellung zur Sammlung Giustiniani im Alten Museum hängen zwei Pläne der beiden Städte in barocker Zeit. Und sofort erkennt man, dass die um 1700 neu gebaute Friedrichstadt südlich der Linden tatsächlich ein römisches Muster aufgreift. Die drei Straßen, die vom Mehringplatz am Halleschen Tor ausgehen - Wilhelmstraße, Friedrichstraße und Lindenstraße -, bilden einen Dreizack gleich jenem Tridente, dem großartigen Entree Roms im Norden der Stadt, mit der Piazza del Popolo und den drei Achsen Via del Babuino, Corso und Via della Ripetta.

König Friedrich Wilhelm III. von Preußen, der im Jahre 1815 in Paris einen beachtlichen Teil der römischen Kunstsammlung der Familie Giustiniani erwarb, wird an solche Bezüglichkeiten nicht gedacht haben. Überhaupt ist wenig wahrscheinlich, dass dem trocknen Monarchen bewusst war, was ihm da gelang.

Denn auch die sachverständigen Zeitgenossen des Schinkel-Berlins würdigten den Erwerb der 157 Bilder nicht gebührend. Sie wurden sogleich zerstreut, teils in die neu entstehende Gemäldegalerie übernommen, teils auf die königlichen Schlösser verteilt. Die Zeit um 1815 war dem Schwerpunkt der Sammlung, der Kunst des frühbarocken Roms, nicht gewogen.

Diese Kunst bezeichnet eine Revolution, deren Schockwellen bis heute spürbar bleiben. Ihr Protagonist war Caravaggio, der Meister des pathetischen Affekts, des brutalen Realismus, des gewaltsamen Hell-Dunkels - und einer bis ins Süßliche und Verstiegene getriebenen Sinnlichkeit. Dass diese damals beispiellos provokative Malerei sich im Zentrum des Katholizismus entfalten konnte, war dem mutigen Freisinn und der Kennerschaft reicher Auftraggeber zu danken, die die Revolution hinter ihren Palastmauern - und da zuweilen hinter dicken Vorhängen über den Bildern - verbargen und sich ungehemmt ausrasen ließen.

Die Geschichte der Sammlung Giustiniani ist noch in knappster Form märchenhaft: Kaufmannsgeld aus dem Nahen Osten bringt eine Genueser Familie in Rom an die Spitze der Gesellschaft. Kardinalswürde, Bankiersberuf, Palastbau: Die Brüder Benedetto (1554-1621) und Vincenzo (1564-1637) Giustiniani krönen ihre Erfolge mit der Förderung avantgardistischer Kunst.

Caravaggio malt das kühnste Bild der Epoche, den siegenden Amor als geflügelten nackten Knaben in Frontalansicht - 1602, zwischen Bartholomäusnacht und Dreißigjährigem Krieg. Zeitgenossen wie Giovanni Baglione reagieren umgehend: Bilder, auf denen die himmlische Liebe die irdische Liebe, also ein geharnischter Engel den Knaben Caravaggios, besiegt, sind kaum weniger aufreizend

sie fügen dem Stricher-Eros die sadomasochistische Variante bei.