Europa kriecht, Japan siecht. Und Amerika? Dem Nationalen Wirtschaftsforschungsinstitut (NBER) schwant Schlimmes: "Die Daten verweisen auf die Möglichkeit, dass eine (US-)Rezession vor kurzem begonnen hat." Das klingt so hölzern wie timide, und wer diesen offiziellen Konjunkturvermessern schwärzesten Pessimismus (Alan Greenspan: "doom and gloom") ankreiden will, darf auf die anziehenden Investitionen zeigen - knapp drei Prozent mehr im Mai.

Trotzdem orakelt Moody's, ein anderes Institut, dass die Industrieproduktion im Trio USA, EU und Japan im ersten Quartal nicht bloß gekrochen, sondern richtig zurückgefallen sei (um ein halbes Prozent). Was das mit Deutschland zu tun hat? Zum ersten Mal seit 20 Jahren siechen die Großen Drei synchron

keine Lokomotive in Sicht. Das ist bitter für unseren Kanzler, der sich womöglich den Aussitzkünstler Kohl zum heimlichen Vorbild genommen hat.

Gewiss, die hübschen Konjunkturfeuerchen, die einst ein Karl Schiller wahlgerecht anblasen konnte, sind aus dem nationalen Instrumentarium verschwunden. Die Zinsen bestimmt die Europäische Zentralbank - obwohl die deutsche Inflation wieder abzuflauen scheint und dieses Land billigeres Geld besser vertragen könnte als etwa Irland. Die nationale Ausgabenpolitik begrenzt der euroländische Stabilitätspakt, den die Deutschen ihren Partnern oktroyiert haben. Also darf sich Eichel nicht erweichen lassen.

Wenn es makroökonomisch eng wird, bieten sich umso insistierender die mikroökonomischen Reformen an, die Schröder aus gutem Grund - der Wahltermin 02 - nicht anzupacken wagt. Lohnspreizung, Kombilöhne (Niedriglöhne, die durch den Staat aufgebessert werden), länger laufende Zeitverträge, befristete Jobs für Ältere - all das läuft den Besitzständen der beati possidentes zuwider, würde aber den Arbeitssuchenden mehr Jobs verschaffen, als es Sanktionen bei Ablehnung zumutbarer Arbeit je könnten. Wie es der Zufall so will, ist CDU-Chefin Merkel just auf dieses von Schröder so gefürchtete Terrain vorgestoßen, hat sie dem Kanzler mit ihrem "Sofortprogramm" die Vorlagen serviert, die er mit dem gleichen Enthusiasmus betrachtet wie das Dentistenopfer den Bohrer.

Nun denn, die Opposition ist immer mutiger als die Regierung

an die Lockerung des Kündigungsschutzes wagt sich selbst Kandidaturverweigerer Stoiber nicht heran. (Ein hübsches Stück angebotsorientierter Politik wäre auch die Einwanderung, doch da mauert die Union nicht minder.) Inzwischen aber muss selbst der kaltblütige Seismograf im Kanzleramt aufhorchen.