In Görlitz wuchs sie auf. Chemie studierte sie in Dresden. Das waren Städte, keine Plattengebirge wie dieses HaNeu, wo das Buna-Kombinat die junge Absolventin einzuschachteln versprach. Sie floh zurück nach Dresden, warf sich aufs Bett und heulte: Niemals fang ich dort an! Aber sie hatte ja Mann und Kind. Sie brauchte, was Buna bot: Wohnung, Forschungsarbeit, Krippenplatz. Sie sagte zu. Das war 1968.

So zogen hunderttausend aus allen Ecken der DDR in die Muster-Polis der proletarischen Republik. Frühmorgens strömten sie in die Kombinate, abends kehrten sie ermattet heim, kauften rasch noch das Nötige, sahen etwas fern, schliefen, erwachten ... Die Schlafstadt atmete sie ein und aus und ein.

Halle-Neustadt, Silberhöhe, Heide-Nord waren Erschöpfungsorte der großindustriellen Vollbeschäftigung. Bestenfalls am Wochenende interessierte, dass da unweit Halle lag, mit Theater, Musik, Galerien, mit Kirchen und Burgen einer zwölfhundertjährigen Geschichte.

Aber Halle starb. Im Zweiten Weltkrieg kaum zerstört, wurde Deutschlands größtes Altstadt-Ensemble von der SED-Obrigkeit dem Verfall überlassen. Die Häuser bröckelten und sackten, teils half der Bagger nach, Buna und Leuna beluden die Luft und vergifteten die Saale. Dafür rammte am Bahnhof das Revolutionsmonument ein Bündel Titanenfäuste in den Schwefelhimmel. Das Trumm steht noch, bereichert um die schwarzrotgoldne Jahreszahl 1990, die allerdings kein proletarisches Jubeljahr bezeichnet. Zehntausende Chemiearbeiter verloren nach der Wende ihre Arbeit. Halles Einwohnerzahl sank um ein Viertel unter 250 000

für das Jahr 2010 sind 210 000 prognostiziert.

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 20 Prozent (Neustadt: 27,8). Aber die Altstadt erholte sich, die Luft, der Fluss, und die junge Absolventin von 1968 ist heute Oberbürgermeisterin: Ingrid Häußler.

Wir besuchen sie, später. Heute müssen wir zur Silberhöhe. "Der Abriss beginnt!", verkündet die Pressemappe der Wohnungsgenossenschaft Frohe Zukunft, deren Vorstand Siegfried Stavenhagen uns die Lage schildert: Von 14 500 Wohnungen sind 3500 unbewohnt. Gigantische Leerstandskosten.