Der alberne Goethe-Kult, der, eng verzauselt mit der gänzlich trostlosen Goethe-Germanistik, vom späteren 19. Jahrhundert an bis weit über die Hälfte des zwanzigsten hinaus seine unförmigen Lorbeerblätter trieb, hat dazu geführt, dass einige der hellsten Köpfe, schärfsten Streiter der Zeit, bloß noch als (zeitweilige) Freunde oder Feinde Göhötes wahrgenommen wurden. So Johann Heinrich Merck. Der Apothekerssohn aus Darmstadt - einer seiner Enkel sollte den Pharmakonzern Merck gründen - ist selbst heute für viele nur Goethes genialischer Spielkamerad aus gemeinsamen Frankfurter Spontitagen.

Dabei hat er, Mitarbeiter an allen wichtigen literarischen Journalen, glänzende Kritiken, hat Essays, Erzählungen und Satiren geschrieben und hinreißende Briefe (vor allem seine Korrespondenz mit Wieland gehört zu den schönsten der Zeit) und war etwas hierzulande Seltenes überhaupt: ein ziemlich freier Geist. Als solcher allerdings zeitlebens "centnerschwer" gedrückt von der "hundetummsten Gesellschafft", in der er lebte, als Kriegsrath im zunehmend stumpfsinnigen Fürstentum Hessen-Darmstadt, wo er, anders als der Herr Geheimrath G. im zunehmend kunstsinnigen Fürstentum Sachsen-Weimar-Eisenach, kaum reüssieren konnte.

Kurt Wolff, der spätere Verleger, gab 1909, als 22-jähriger Student!, bei Insel eine zweibändige Auswahl von Mercks Werken und Briefen heraus

Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre folgten weitere Ausgaben, die Mercks Gestalt endlich von dem ewigen "Goethe-Kreis" emanzipierten. Natürlich alles längst vergriffen und vergessen. Seit einiger Zeit indes werden Autor und Werk, liebevoll unterstützt von den Nachfahren, wieder ins Gedächtnis geholt, zuletzt 1991 mit einer Ausstellung zum 200. Todestag Mercks, die in Darmstadt und Weimar gezeigt wurde. Jetzt wartet der Wiener Lektor und Journalist Walter Schübler mit einer Merck-Biografie auf, die ein wenig an Ulrich Enzensbergers schönes Forster-Buch erinnert. Ein "kaleidoskopisches Porträt" nennt es der Autor selbst, der sich jeder lauten biografischen Mutmaßung und Konjektur enthält und die Texte lediglich mit einigen (manchmal ein wenig arg obstipösen) Sätzen moderiert. Ein Lebenslesebuch ist so entstanden, in seinem Verzicht auf polierende Aufbereitung, in seiner Roheit, Kahlheit, seltsam berührend: Duodezdeutschland, Empfindsamkeit und Aufklärung, unplugged.

Mit stürmischen Liebesbriefen zwischen dem 25-jährigen Merck und der zwei Jahre jüngeren Schweizerin Louise Chambonnier fängt's 1766 an, auf voller Fahrt ins Leben

es sollte übrigens zunächst keine gute, dann aber doch eine irgendwie große Ehe werden, mit sieben Kindern gesegnet. Und ein paar letzte zärtliche Briefe, wieder an die Lebensgefährtin, beenden dann (fast) das Buch: letzte Briefe, 1790/91 aus dem Paris der Revolution, das ihn, den 50-Jährigen, berauscht und nach Jahren der Depression noch einmal, wie unter vollen Segeln, vom Wind der Freiheit prall, auf ein Neues Leben hoffen lässt.

Denn die Kulisse seiner Existenz, Grund seines Schmerzes und Ziel seines Witzes, seiner galligen Wut, das sind die fatalen feudalen Verhältnisse der Zeit. Das deutsche Fürstengesindel, wie 1848 die Republikaner schmähen - hier lässt es sich noch in seiner ganzen debilen Pracht und prolligen Ignoranz besichtigen. All diese bizarren, schrathaften Gestalten, vor allem Mercks eigener Herr, der Landgraf von Hessen-Darmstadt. Wollte er sein Ländchen zunächst zu einem Abbild des friderizianischen Preußen reformieren, so geriet es am Ende zu dessen klappernder Parodie