Die Hauptstadt

Die Demokratische Arabische Republik Sahara hat ein Volk, eine gewählte Regierung und einen Präsidenten. Das ist es, was man als normal bezeichnen kann.

Die Demokratische Arabische Republik Sahara ist der einzige Staat der Welt, der sich vollständig auf dem Gebiet eines anderen Staates befindet: im algerischen Exil. Sie ist der einzige Staat, der keine Flugzeuge besitzt, aber Piloten ausbilden lässt. Vermutlich ist sie auch der einzige Staat, in dem der (einzige) Wasserhahn der (einzigen) Toilette des Präsidialamtes seit geraumer Zeit nicht funktioniert. Und wahrscheinlich ist sie der einzige Staat, in dem der außenpolitische Berater des Präsidenten, ein Mann mit 15 Jahren Erfahrung als Diplomat in Washington, im Präsidialamt auch als Gemüsegärtner arbeitet. In diesem Jahr versucht Radhi S. Bachir es mit Tomaten.

Bachir hockt auf dem Bordstein der Beete, die im Schatten von kleinwüchsigen, dürren Akazien die schmale Auffahrt des Präsidialamtes säumen. Er trägt Sandalen und einen beigen Strandhut, in der Tasche seines Jeanshemdes steckt sein Berufsgerät: ein silbergraues Radio von Sony, eingestellt auf BBC. Im Augenblick schweigt der Weltempfänger. Bachir blickt nachdenklich auf die kniehohen Stauden: Es ist alles sehr schwierig. Man muss jeden Tag wässern.

Die Sonne steht im Zenit. Normalerweise sitzen um diese Zeit, zwischen 12.30 und 13.30 Uhr, der Präsident und sein gesamter Stab vor dem Fernseher: Dann läuft Die Insel, eine Nachrichtensendung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die via Satellit in der ganzen arabischen Welt empfangen wird und als einzigartig sachlich und frei von Propaganda gilt. Wenn man mitten im Nirgendwo sitzt, in der Wüste, sind Nachrichten nicht nur Information und Gesprächsstoff

sie beweisen, dass die Zeit vergeht und sich irgendwann etwas ändern wird. Ändern muss.

Marokko und vorübergehend auch Mauretanien haben die Heimat des sahraouischen Volkes, die Westsahara, nach Ende der spanischen Kolonialherrschaft besetzt.