Die deutschen Hochschulen sind nicht mehr konkurrenzfähig? Die Studenten leisten nichts? Alles Krisengeschwätz, Schwarzmalerei. Das Gegenteil stimmt: Unsere Universitäten bringen durchweg ausgezeichnete, sehr gute oder zumindest gute Ergebnisse - wenn man den Noten der Diplome, Magisterabschlüsse und Doktorarbeiten glauben will.

Der Wissenschaftsrat will es nun genauer wissen und die Notengebung an deutschen Universitäten vergleichen. Er wird feststellen: In Deutschland wächst eine Generation von Spitzenforschern heran. In Psychologie ist der Zeugnisschnitt an den meisten Universitäten besser als 2,0

die Mehrheit der Nachwuchsphilosophen erreicht das Examensziel mit einer Eins oder gar "mit Auszeichnung". Deutsche Biologiedoktoren triumphieren zu drei Vierteln mit einem "summa cum laude" oder "magna cum laude" in ihrer Doktorarbeit, Physiker und Chemiker sind fast ebenso gut.

An einigen Universitäten wird man anscheinend besonders gescheit: In Bielefeld laufen Magistergermanisten mit einem Durchschnitt von 1,3 durchs Examensziel, die dortigen Anglisten mit 1,4. Zwar brauchen sie dafür sechs Jahre, aber man sieht: Was lange währt, wird endlich "sehr gut". Ein "befriedigend" in der Abschlussnote ist selten, und um eine Unikarriere mit "ausreichend" zu beschließen, muss ein Student anstatt einer Examensarbeit leere Blätter abgeben oder in der mündlichen Prüfung Professorenwitze erzählen.

Inflation der Best-Zensuren

Ausnahmen gibt es: Juristen urteilen streng, Mediziner oder Wirtschaftswissenschaftler achten noch ihre Standards. Einzelne Professoren in anderen Fächern versuchen ebenfalls, das Durchschnittliche vom Guten und sehr gute Leistungen von exzellenten zu trennen - und machen sich damit wenig beliebt. Ihre Kollegen urteilen schließlich großzügiger. Fakultätenweit hat die Inflation guter Noten so ein Ausmaß erreicht, dass Universitätszeugnisse heute kaum noch einen Aussagewert haben. Nicht nur die Personalchefs ärgert die nach oben nivellierte Einheitsbewertung. Die eigentlichen Opfer sind die Studenten. Wenn jede Anstrengung fast gleich viel zählt, demotiviert das die Guten und wiegt die weniger Guten in falscher Sicherheit. Betrogen sind beide.

Die Kuschelnoten könnten vollends zum Schwindel werden, wenn eine gut gemeinte Reform sich ins Gegenteil verkehrt. Geht es nach dem neuen Gesetzentwurf von Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD), dann sollen Professoren in Zukunft von ihren Studenten für ihr Engagement in der Lehre benotet werden. Die Folge könnte ein Kuhhandel sein: Tausche gute Note für Vorlesung gegen gute Note für Prüfung. Dann wäre die Koalition der Mittelmäßigkeit perfekt. Ein derartiges Dealen ist an manchen US-Universitäten zu beobachten - Amerika, du hast es nicht besser. Der Harvard-Professor Harvey C. Mansfield hat nun die Konsequenz gezogen. Er vergibt neuerdings zwei Noten: eine offizielle für das Zeugnis und eine ehrliche, die er den Studenten persönlich mitteilt - immerhin ein Fortschritt im Vergleich zur Gießkanne voller Einsen made in Germany.