Das offene Betriebssystem Linux ist eines der interessantesten Produkte der Computerindustrie - nicht nur von der technischen, sondern auch von der sozialtechnischen Seite her betrachtet. Tausende von begabten Programmierern werkeln an Linux, das ohne straffe Organisation, Business-Plan und all die anderen Wunderwaffen modernen Managements entstand. Offen geben sie ihr Wissen an andere weiter, mit der Verpflichtung, es ebenso offen an Dritte zu verteilen. Linux wird immer mehr zur Windows-Alternative und der 31-jährige Linux-"Erfinder" Linus Torvalds zum Gegenpart von Bill Gates. Zeit also für eine Biografie. Wie die Sache mit Linux anfing, erzählt Torvalds dem amerikanischen Journalisten David Diamond in dem Buch Just for Fun - Wie ein Freak die Computerwelt veränderte, das zum deutschen Linux-Tag am 6. Juli in den Handel kommt.

Von der Jugend in Finnland bis zur Migration ins sonnige Kalifornien reicht Torvalds' Erzählung, und sie ist durchaus eine ernste Geschichte von einer nicht besonders glücklichen Kindheit, von Armut und vom Alleinsein mit dem Rechner. Durchbrochen wird die Geschichte von Passagen, die der Journalist Diamond beisteuert. Sie sind mit jener penetranten Leichtigkeit geschrieben, die im amerikanischen Technikjournalismus gerade modern ist. Im Dialog der beiden im Auto, in der Sauna und beim Wellenreiten entsteht schließlich so etwas wie eine Lebensphilosophie, ebenjenes Just for Fun, von dem noch zu reden sein wird.

Unsportlicher Mathefreak

Linus Torvalds wächst in der schwedisch sprechenden Minderheit Finnlands als erstgeborenes Kind in einer chaotischen Studenten- und Journalistenehe heran, die bald zerbricht. Die Mutter arbeitet in Helsinki für eine Nachrichtenagentur, der Vater ist freier Journalist im Umfeld der kommunistischen Partei Finnlands. Linus Torvalds erinnert sich an KP-Schulungsreisen nach Moskau, bei denen die Kinder prächtige Kaufhäuser kennen lernen. In Finnland ist das Leben dagegen ärmlich. Während sich seine jüngere Schwester durch die Flucht in den Katholizismus von der atheistischen Familie absetzt, entdeckt Linus den Computer, zuerst einen Commodore VIC-20, dann einen Sinclair QL. Ohne Sozialkontakte stürzt sich der absolut unsportliche Mathefreak auf die Maschinen und lernt sie bis ins letzte Detail kennen. Die absolute Macht über die einfachen Computer fasziniert ihn, er fühlt sich als der Gott der Maschine. In dieser Hinsicht gleicht Torvalds' Geschichte frappierend der Autobiografie von David Bennahum, die vor zwei Jahren unter dem Titel Extra Life: Bekenntnisse eines Computerfreaks erschien. Der einsame Junge in New York und sein Pendant in Finnland feiern ihre Triumphe an einem kleinen grünen Schirm. Und beide schimpfen in ihren Rückblicken über moderne Multimediarechner für Kinder, die mit ihrem bunten Klicki-Klicki jegliche ernsthafte Beschäftigung mit den Innereien und Dateien verhindern.

Nach dem Schulabschluss und dem Armeedienst entscheidet sich Torvalds für ein Informatikstudium und einen (teuren) Allerwelts-PC mit Intel-Prozessor. Auch den will er in allen Details erkunden. Dazu kauft er ein experimentelles Betriebssystem namens Minix, geschrieben von dem in Holland lebenden Informatiker Andrew Tanenbaum. Um Minix herum entwickelt Torvalds erst einen Terminal-Emulator für den Zugriff zum Universitätsrechner, später einen Festplattentreiber, dann ein Dateisystem. Stück um Stück entstehen Teile, die "nur" noch zu einem Betriebssystem zusammengefügt werden müssen. Als Torvalds davon in einem Internet-Forum berichtet, reagiert der Minix-Schöpfer Tanenbaum mit Häme. Das eng an die Intel-Architektur angelegte Freakx - so wollte Torvalds sein Linux ursprünglich nennen - sei unmodern, da es sich nicht auf andere Rechner übertragen lasse. Dafür sei es kostenlos und könne von jedermann weiterentwickelt werden, ist die selbstbewusste Replik von Torvalds. Ohne diese polarisierende Debatte, ohne den Ehrgeiz, es den etablierten Akademikern zu zeigen, wäre Linux nicht entstanden. Jahre später, als Torvalds zu einem seiner ersten Vorträge nach Holland eingeladen wird, versucht er, Tanenbaum an der Universität Amsterdam mit einem großen Blumenstrauß zu überraschen - doch dessen Tür ist verschlossen.

Wer die weitere Entwicklung von Linux verfolgen möchte, wird von der Torvalds-Autobiografie herbe enttäuscht. Sie beschränkt sich auf eine oberflächliche Beschreibung, wie der Finne das immer größer werdende Projekt leitete oder, besser, nicht leitete: In Konflikten versucht Torvalds, keine Partei zu ergreifen, bis sich die Streithähne geeinigt haben. Wer sich aber gestritten hat und worüber, das bleibt ausgespart. Ausführlich kommen dafür Bill Gates, Bill Joy oder Steve Jobs vor, die Koryphäen von Microsoft, Sun und Apple, mitunter gut beschrieben. Dass die Stars der eigenen Szene ausgeblendet werden, mag am mangelnden Interesse des Mitautors David Diamond liegen.

Wer sich für die bunte Linux-Szene interessiert, für den ist die Lektüre des unlängst erschienenen Buches Die Software-Rebellen von Glyn Moody ergiebiger.