Brüssel

Sprechen Sie Belgisch? Dumme Frage, denn im flachen Land zwischen Maas und Meer wird Niederländisch, Französisch, Deutsch gesprochen und unter den vielen Einwanderern und Europäern noch etliche andere Sprachen. Kein Belgisch. Schließlich fragt ja auch niemand: Sprechen Sie Europäisch?, nur weil wir mit dem roten Pass der Europäischen Union reisen. Die eine Frage ist so absurd wie die andere - und darum aufschlussreich. Belgien, einst Gründungsmitglied der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, übernimmt am 1.

Juli für sechs Monate die Präsidentschaft in der EU. Und das heißt: führen, ohne dass die anderen 14 Unionsmitglieder sich gegängelt fühlen. Verhandeln, vermitteln, versöhnen. Ewige Wiederkehr des Gleichen, vom Konflikt zum Kompromiss zum Konflikt.

Belgische Politiker können so etwas, das haben sie an europäischen Tischen oft bewiesen. Ob die Chefs nun Paul-Henri Spaak hießen oder Wilfried Martens, Jean-Luc Dehaene oder Guy Verhofstadt, das europäische Gezerre und Gefeilsche ist ihnen wohlvertraut - aus dem eigenen Land. "Belgien ist der Mikrokosmos Europas", sagt der flämische Schriftsteller und Publizist Geert van Istendael: "Darum wird die EU einmal Belgien ähneln - oder nicht mehr sein."

Und der ehemalige Ministerpräsident Jean-Luc Dehaene sieht eine untergründige Wechselwirkung am Werk: "Unsere Strukturen sind nur innerhalb des europäischen Bauwerks tragfähig."

Deutsche Politiker fordern gern eine klare Kompetenzabgrenzung zwischen den verschiedenen Ebenen in Europa: Wer macht was? - das soll festgeschrieben werden in den Grundwerken der Gemeinschaft. In Belgien können sie das studieren, am lebenden Objekt, mit allen Vor- und Nachteilen. Erste Lehre: Wo Kompetenz klar begrenzt wird, wächst Komplexität, und wie. Nichts ist einfach in diesem kleinen Land mit seinen zehn Millionen Menschen. In Brüssel tagen sieben Parlamente, rechnet man das Europäische Parlament mit. Denn Belgien zählt drei Regionen: Flandern, Wallonien und die Region Brüssel, und die wählen neben dem nationalen Parlament jede ihre eigenen Volksvertreter. Dazu drei Gemeinschaften, die flämische, französischsprachige, die gemeinsam mit der deutschen arbeitet. Und auch die wollen repräsentiert sein.

Bis hierhin wirkt alles übersichtlich. Doch die Brüsseler, sagt Xavier Mabille, der Doyen der belgischen Geschichtswissenschaft, gehören zwar alle einer Region an, aber zugleich zwei Gemeinschaften, der frankophonen und der flämischen. Brüssel liegt zudem mitten in der flämischen Region. Und die deutsche Gemeinschaft wiederum zählt zur wallonischen Region. Kultur und Unterricht, Medien und medizinische Vorbeugung, Jugendschutz und Sprachpflege sind Sache der Gemeinschaften