Fünf Jahre ist die Halbwaise Candida, als sie bei einer heimlichen Inspektion des großelterlichen Kleiderschranks die rote Fahne entdeckt. Ihr "Rot ist anders, dumpfer und blasser" als das der Hakenkreuzfahne, die eine der Tanten immer am 20. April vom Fenster abrollen lässt, sodass der "echte" Nazi von unten ausgerechnet an Führers Geburtstag "eine rote Aussicht hat".

Es sind die letzten Monate unter dem NS-Regime. Ständig heulen die Luftschutzsirenen in der Kleinstadt an der Saale, die Onkels sind an der Front, und überall gibt es "böse" Menschen, vor denen man sich nicht verplappern darf. Doch dann ist er plötzlich da, der Tag, an dem die neue Zeit anbricht. Nach und nach kehren die Männer aus dem Krieg zurück, alle härter als früher, einige körperlich versehrt und nicht immer mit Sehnsucht erwartet von ihren Frauen. Der kränkelnde Großvater, ein Kommunist der ersten Stunde, blüht wieder auf, und bald werden ihn die neuen sowjetischen Herren als ersten Nachkriegsbürgermeister einsetzen. Am Haus hängt nun die rote Fahne, groß und einschüchternd: das Stückchen Stoff in der Wunderkammer des Kleiderschranks scheint nicht mehr präsentabel zu sein. Nur das Enkelkind vergisst es nicht

sein verwaschenes, ausgebleichtes Rot wird ihm die Farbe aller Farben bleiben. Diese "anders rote Fahne", die, als sie noch im Einsatz war, für den Traum von einer gerechteren Welt und nicht für Herrschaft stand, zieht sich als Sehnsuchtsmetapher durch Candidas Kindheit, Jugend und Studienzeit: durch eine Geschichte vom Aufwachsen in der DDR, die mit Recht die Gattungsbezeichnung Roman nicht trägt, weil sie autobiografische Erzählung ist.

Candida ist das Alias für Ricarda Bethke, die, 1939 geboren, in Thüringen aufwuchs, bis 1984 in der DDR Deutsch und Kunst unterrichtete und sich dann als Autorin von Kinderhörspielen, in den letzten Jahren auch als Verfasserin von Zeitungsessays einen Namen machte. Ihr spätes Erzähldebüt, erkennbar bemüht um retrospektive Authentizität, was die Kultivierung eines mitunter allzu schlichten Erzähltons zur Folge hat, ist ein Wahrheitsexperiment. Es macht uns zu Zeugen einer Arbeit des Erinnerns, die das schwer entwirrbare Geflecht von Einverständnis, Anpassung, Verdrängung, zögerlichem Aufbegehren und schlichtem Jungsein so genau wie möglich zu rekonstruieren sucht.

Der Weg, den Ricarda Bethke zeichnet, ist der einer auf Harmonie angelegten, unsicheren und nach dem Eintritt in die Pubertät für Jahre in Identitätsprobleme verstrickten jungen Frau. Wenn er am Ende, nach der Berliner Studienzeit, in die Abkehr von allen Normen, auch der sozialistischen, mündet, so ist dies keine Leistung jugendlichen Oppositionsgeistes, sondern ein Punktsieg moralischer Empfindsamkeit über die nicht nur propagandistisch erzeugte, sondern auch familiär präfigurierte Gefühlsbindung an die DDR - und über den Hang zu quälerischer Selbstbespiegelung:

"Ich kenne keine Schlagersänger, ich habe noch nie mit einem Mann geschlafen.

Ich war noch nie in Westberlin. Ich glaube an den Kommunismus, obwohl ich nicht in die Partei will. Ich habe eine unmögliche Frisur, nämlich gar keine.