Weimar

Drei sind gestorben, einer hat sich entschuldigt. Der Rest ist in das Dorflokal vor der Stadt gekommen. Acht Damen und zehn Herren mit Anhang. 1956 haben sie an der Schiller-Oberschule in Weimar Abitur gemacht, in einer der fünf 12. Klassen vom naturwissenschaftlichen Zweig. Ingenieure sind ein halbes Dutzend geworden. Die übrigen Berufe in Alleinvertretung: Arzt, Lehrerin, Wirtschaftsstatistiker, Bibliothekarin. Wer weniger studierte, den weihte die DDR mit höheren Titeln, die Apothekenassistentin konnte sich Pharmazieingenieurin nennen. Keiner verfiel auf irgendeinen Exotenberuf. Zwei gingen noch vor dem Abitur, nach Westen, mit den Müttern.

Bonze wurde niemand. Mit der SED hatte nur nähere Berührung, wer in staatlichen Ämtern technische Kontrollfunktionen ausübte. A. mutierte im Maschinenbau zum mittelhohen Gewerkschaftstier. Nach der Wende musste er ziemlich weit unten Bier zapfen. Alles lehnte sich erst einmal auf, die Bauchspeicheldrüse, die Nieren, aber der Krebs kam zum Stillstand. A. sieht heute wieder entspannt aus. Das gilt für alle. Die DDR hat in den Gesichtern weniger Furchen hinterlassen als die Bundesrepublik, meinten die beiden aus dem Westen, die zuvor ihr Abitreffen in Norddeutschland besucht hatten. "An der Mühe liegt es nicht", sagt B., "plagen mussten wir uns genug. Aber richtig Stress hatte nur einer, der irgendwo wirklich nein sagte." In Nepal haben C. und ihr Mann kürzlich mit einem westdeutschen Ehepaar häufig am Tisch gesessen. "Sie konnten nicht aufhören, von ihren beruflichen Erfolgen zu erzählen. Das muss ja anstrengend sein."

Von Gysi reden sie später. Als Stachel der Opposition hätten die in Berlin ihn verdient. Chancen gibt ihm niemand. "Der ist doch größenwahnsinnig, die Karre da kann kein Bürgermeister aus dem Dreck ziehen", doziert D. "Aber wenn er es doch machen sollte", sagt E., "dann müssten noch viel mehr Unterlagen vernichtet werden als beim Kohl." Für F. ist das Vergangenheit: "Der Gysi hat mal gesagt: ,Die Wiedervereinigung ist erst vollendet, wenn der letzte DDR-Bürger aus dem Grundbuch gestrichen ist.' Jetzt sind schon 80 Prozent in westdeutscher Hand."

Sie sagen das nicht aggressiv. Freundlich, bedächtig, nebenbei bemerkt. Die Jahresringe der Politikferne lassen wenig staatsbürgerliche Erregung eindringen. Sanft ergänzt G.: "Erst durch das Auftreten der Westdeutschen hier habe ich die Palästinenser verstehen gelernt." PDS würden sie deshalb nicht wählen. Nicht in diesem Kreis. Abgeschnitten fühlen sie sich auch nicht.

H. sah für seine Tierarztpraxis gleich nach der Wende keine Chance mehr. Er ging in die Verwaltung, Veterinärmediziner, für Tierseuchen zuständig. Muss sich in Weimar mit Brüssel rumschlagen. Verteidigt die Bauern, kritisiert die Futter- und Nahrungsmittelproduzenten. Trägt den einstigen Schulkameraden Daten, Details, Rezepturen vor. Da erinnert einer wieder an den Brief, den die uralte Lehrerin vor Jahren ausgrub. Er stammt von der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft Klara Zetkin, ist mit Tinte geschrieben, mit Sütterlinschrift durchmischt und trägt das Datum vom 28.

Oktober 1955: