Wie viel Wettbewerb verträgt das Gesundheitswesen? Ulla Schmidt, die zuständige Bundesministerin, tut sich mit Antworten schwer. Gerade erst versuchte sie vergeblich, den Konkurrenzkampf zwischen Billigkassen und den teuren Ersatz- und Ortskrankenkassen einzudämmen - ein einheitlicher Mindestbeitrag sollte den Kassenwechsel unattraktiv machen. Nun droht ihr die nächste Grundsatzdebatte. Diesmal geht es um die Pflegeversicherung.

In einem bislang unveröffentlichten Gutachten für die Enquete-Kommission Demographischer Wandel des Deutschen Bundestages geben angesehene Sozialexperten ein vernichtendes Urteil über das bestehende System ab. Die "Strukturen in der Pflegeversicherung" seien "wenig geeignet, eine effektive und effiziente pflegerische Versorgung zu realisieren". Hauptgrund: Die "Abwesenheit von Kassen-und Vertragswettbewerb" lade zur Verschwendung ein.

Bislang gilt in der Pflegeversicherung ein einheitlicher Beitragssatz von 1,7 Prozent der Bruttoeinkommen für alle Kassen. Hier gibt es also den Einheitsbeitrag, den Schmidt sich für die Krankenkassen wünscht.

Die Experten empfehlen nun eine Kehrtwende: Kranken- und Pflegeversicherung sollen zusammengelegt werden, weil so automatisch der Beitragswettbewerb um Kunden auch für die Pflegeversicherung eingeführt wird. Zudem werde es für die Krankenkassen attraktiver, Vorsorgemaßnahmen zu finanzieren. So ist es bisher für Krankenkassen billiger, einen Schlaganfall-Patienten in die Pflegeversicherung abzuschieben, als eine teure Reha-Maßnahme zu finanzieren.

Ohne "ein hohes Maß an Willkür" könnten die Aufgaben von Pflege- und Krankenversicherung gar nicht abgegrenzt werden, schreiben die Experten.

Die Gesundheitsministerin dürfte sich für die Studie auch deshalb interessieren, weil die Wissenschaftler den Aufbau eines Kapitalstocks für die gesetzliche Krankenversicherung fordern. Damit die Kosten einer alternden Mitgliedschaft später leichter bewältigt werden können, sollen die Rücklagen der Pflegekassen auf die neuen Einheitsversicherungen übertragen und aufgestockt werden. Ähnliche Überlegungen prägten die Rentenreform - und die hat Ulla Schmidt vor ihrer Zeit als Ministerin mit ausgehandelt.