Was schleppt eine Älplerin der Freundin ins Hamburger Exil? Natürlich etwas, das die Bergwelt zumindest spirituell ein wenig näher an die norddeutsche Tiefebene heranrückt. Da, bitte, meine Liebe, nimm das hölzerne Zauberkästchen mit der Brandmalerei-Inschrift Ein Stück Tirol. Mach's Schiebetürl auf. Schau, wie schön die zartgrüne Flasche mit ihrem Ballonhals ist. Die klare Flüssigkeit darin ist Schnaps, der Spiritus Rector Tirols.

Adelskirsche ist die Obstbrandsorte, die ich für dich ausgesucht habe, 43 Volumprozent Stärke, hoch konzentrierte Süße mit einem Hauch Bitternis. Die Früchte für diesen Edelbrand reifen im verträumten Dörfchen Arzl. Es liegt in der Nähe von Innsbruck auf einem sonnenüberglänzten Hochplateau zu Füßen der Nordkette und hat mit dem Schutzschirm schroffer Felsen im Rücken ein außergewöhnlich mildes Klima, das Äpfel und Birnen, Zwetschgen und sogar Pfirsiche so gut wie auf der Alpensüdseite gedeihen lässt.

Der 400 Jahre alte, sorgfältig restaurierte Hof Beim Kerschbuacher besitzt fast 1500 Obstbäume. Aus ihren Früchten destillieren Werner Mayr und sein Schwiegersohn Edi Leismüller Jahr für Jahr zwischen 1000 und 1500 Liter feinsten Schnaps. Ich habe einen schönen und lehrreichen Nachmittag bei den beiden Brennern verbracht. Wir sind durch die Obstplantagen gewandert, haben die alte Destillieranlage für die Äpfel angeschaut. Die meiste Zeit jedoch verbrachten wir in dem geheimnisvollen, gemütlichen Raum mit der neuen Destillieranlage, einer Maßanfertigung aus blinkendem Kupfer. Hier hat Werner Mayr seinen Arbeitsplatz: Als Sensoriker im Team schmeckt und riecht er genau, wann welches Destillat seinen optimalen Zustand für die bis zu acht Jahre dauernde Lagerung erreicht hat.

Edler Apfel, Alte Hausbirne, Tiroler Zwetschge und Wildvogelbeere heißen die Sorten, die am großen Bauerntisch neben der leise vor sich hin werkelnden Kupferdestille zum Probieren bereitstehen. Angemeldete Besucher bekommen beim Kerschbuacher außer der Führung durch Hof und Destille auch eine opulente Brotzeit zur Schnapsverkostung. Sie gehört im gastlichen Tirol zum Hochprozentigen wie das Amen zum Gebet.

Wenn du wieder einmal in die Alpen kommst, meine Freundin, dann bring bitte die leere grüne Flasche nebst Holzschatulle wieder mit, es sind Pfänder. Beim Kerschbuacher wird ökologisch gedacht. Sollte ich keine Zeit haben, dich zum Hof zu begleiten, kannst du dir unter folgender Adresse Nachschub an edlen Spirituosen holen: Arzler Schnapsbrennerei Beim Kerschbuacher, Eggenwaldweg 18, A-6033 Arzl/Innsbruck, Tel. 0043-512/26 23 18 21, Fax 26 23 18 22.