Die juristische Analyse geht am medizinethischen Kern des Problems der Arzneimittelforschung an embryonalen Stammzellen vorbei und lässt die bisherige rechtliche Regelung von Organspenden vollständig unberücksichtigt.

Für die Therapie mit von "menschlicher Vorsehung" nicht zur Menschwerdung bestimmten embryonalen Stammzellen gilt wie für die Organ- und Gewebespenden selber: forschen ja, einsetzen zur Rettung von Leben ja, Umfunktionieren dieser Zellen als Handelsware, die im Unterschied zu adulten Stammzellen und klonalen Stammzellen neues genetisches Leben beinhalten, nein!

Der Embryo, den die Jurisdiktion von Reinhard Merkel als "Zellhaufen" bezeichnet, erweckt große wirtschaftliche Begehrlichkeiten, weil er eben viel mehr ist als ein bloßer Zellhaufen, weil er wegen der Omnipotenz seiner Zellen, alle Organe und Gewebe des Körpers auszubilden, im Wert weit über der Spende eines einzelnen Organs steht! Daran muss eine biopolitische Debatte festmachen.

Hüten wir uns vor der börsenangeheizten "Life-Science-Falle" (Hans Magnus Enzensberger im Spiegel). Bremsen wir auch unseren Zweckoptimismus und unsere technischen Machbarkeitsfantasien. Klinische Wirksamkeitsstudien werden äußerst langwierig und kostenaufwändig, das Nebenwirkungsrisiko wird sehr schwer zu testen sein.

Was mich als Arzt an der formaljuristischen Argumentation von Reinhard Merkel erschreckt hat, ist ihre unbekümmerte Steigbügelhalterfunktion für die Lizenz zur wirtschaftlichen Ausbeutung des Heilens. Man sieht sie schon kommen, die Richtlinien für den neuen Biomarkt, die mit ihren vielen unklaren Rechtsbegriffen die Latte für den Markteintritt durch die geforderten Entwicklungsschritte so astromomisch hoch legen, dass sich die Frage stellt: Was schützt dieses Recht mit vom Gesetzgeber geforderten Arzneimittelentwicklungskosten von derzeit bis zu 500 Millionen Euro eigentlich mehr, die Patienteninteressen oder das Monopol kapitalkräftiger Unternehmen der Gesundheitsindustrie?

Welche globalen Prioritäten setzen wir eigentlich mit der aufgebauschten Bioethikdiskussion angesichts von Therapien, die sich, im Weltmaßstab gesehen, vielleicht sogar in Europa selber nur wenige Patienten werden leisten können?

Wie ernst nimmt unsere Gesellschaft das Menschenrecht des gleichen Zugangs aller Patienten zum therapeutischen Fortschritt, mit dem Recht auf Leben auch von Patienten in armen Ländern?