Ruhig, ruhig! - Siehst du, hier kannst du weichlich ruhn und wie es recht ist. Nun wenn du diesmal nicht ... so hast du gar keine Entschuldigung. - Wirst du nicht wenigstens erst den Vorhang niederlassen? - Du hast recht, die Beleuchtung wird so viel reizender. Wie schön glänzt diese weiße Hüfte in dem roten Schein! ... Warum so kalt? - (...) Lieber, setze die Hyacinthen weiter weg, der Geruch betäubt mich. - Wie fest und selbständig, wie glatt und fein! Das ist harmonische Ausbildung. - O nein, Julius! laß, ich bitte dich, ich will nicht. - Darf ich nicht fühlen, ob du glühst wie ich? O so laß mich doch die Schläge deines Herzens lauschen, die Lippen in dem Schnee des Busens kühlen!

... Kannst du mich wegdrücken? Ich werde mich rächen. Umarme mich fester, Kuß gegen Kuß

nein! nicht mehre, einen ewigen. Nimm meine Seele ganz und gib mir deine! ... O schönes herrliches Zugleich!

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Sind wir da wirklich in Deutschland? Klar, dass ein deutscher Literaturzwieback wie Rudolf Haym noch 1920 vor einer "ästhetischen Ungeheuerlichkeit" erzittert. Die heute das Wort führenden Literaturbeamten würden das vor 200 Jahren entstandene Romanfragment wohl als ersten deutschen Porno in der entsprechenden Schublade entsorgen. Als ob es nicht den Dichter der Liebe gäbe, Christoph Martin Wieland. Erst einmal ist es gut, dass wir so Schönes auch haben. Dann wäre es nicht schlecht, unser der wahren Liebe so abholdes Ländchen würde sich - "Campsgirl" hin, "Big Brother" her - einmal daran erinnern, dass es wunderbar feine Arten der Liebe gibt, wie es in Kindlers Literatur Lexikon heißt: "In diesem Roman wird die eheliche Liebe zur wunderbaren, sinnreich bedeutenden Allegorie auf die Vollendung des Männlichen und Weiblichen zur vollen ganzen Menschheit."

Auflösung aus Nr. 26: Peter Handke: "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1970)