Dass er nie erfuhr, wann genau er auf die Welt gekommen war, hat er lebenslang bedauert

kurz vor seinem Tod notierte er:

Morgen beende ich mein dreiundsechzigstes oder vierundsechzigstes Lebensjahr. Mein Vater hat sich jahrelang nicht um eine Geburtsurkunde für mich bemüht. Später hatte ich deswegen Schwierigkeiten. Mutter nannte das eine strafbare Nachlässigkeit.

Und er verschleppte nicht nur diese Sache, schreibt sein Monograf. Prägend war für den Jungen, dass er jüdischer Abstammung war, wie auch die Mutter und der Vater. In seinem Tagebuch berichtet er von einem Kindheitserlebnis, das ihm seine jüdische Herkunft zum erstenmal zu Bewusstsein brachte:

Ich war damals fünf Jahre alt, und das Problem war unglaublich schwer: was war zu tun damit es die schmutzigen, verwahrlosten und hungrigen Kinder nicht mehr gab, mit denen ich auf dem Hof nicht spielen durfte

auf dem selben Hinterhof, wo unter dem Kastanienbaum - in Watte gebettet - in einer metallenen Bonbondose mein erster geliebter, mir nahstehender Toter begraben lag, wenn es auch nur ein Kanarienvogel war. Sein Tod warf die geheimnisvolle Frage nach dem Bekenntnis auf. Ich wollte ein Kreuz auf seinem Grab errichten. Das Dienstmädchen sagte, das ginge nicht, weil es nur ein Vogel sei, also etwas weit Niedrigeres als ein Mensch. Sogar um ihn zu weinen sei Sünde. Soweit das Dienstmädchen. Und noch schlimmer war, dass der Sohn des Hausverwalters feststellte, der Kanarienvogel sei Jude gewesen. Ich auch. Ich bin auch Jude, und er Pole und Katholik. Er würde ins Paradies kommen, ich dagegen, wenn ich keine hässlichen Ausdrücke gebrauchen und ihm immer folgsam im Haus stibitzten Zucker mitbringen würde, käme nach dem Tode zwar nicht grade in die Hölle, aber irgendwohin, wo es ganz dunkel sei. Und ich hatte Angst in einem dunklen Zimmer. Tod - Jude - Hölle. Das schwarze jüdische Paradies. Es gab genug Grund zun Grübeln.

Der Vater konnte als Rechtsanwalt die kleine Familie (Sohn und Tochter) leicht ernähren und den Sohn aufs Gymnasium schicken. Aber er war ein heimlicher Spieler. Nach seinem Tod stellte sich heraus, dass er sein ganzes Vermögen verspielt hatte. Etwa zu der Zeit litt der Sohn unter depressiven Phasen: