Vertigo: Strudel, Wirbel, Schwindel. Wie fasst Musik einen Menschen an?

Körperlich, physisch gesehen? Beiseite gelassen die Fälle, wo sie auf die Tränendrüse "drückt" oder aufs Gemüt "schlägt", doch wohl meist durch Druck, hervorgebracht von Bläserhorden oder einem hundertköpfigen Orchester, das durch schieren Schalldruck den Leib des Hörers in die Sesselpolster presst.

Das ist der symphonische Normalfall.

Es gibt aber auch das Gegenteil: Sogwirkung, den Sturz in die Tiefe, eine subtilere Kraft, die subtilerer Mittel bedarf. Helmut Lachenmanns Ensemblestück Mouvement (- vor der Erstarrung) erzeugt Zugkraft durch Stringenz. Erst lässt es den Hörer durch fein getupfte Impulse aufhorchen, nimmt ihn dann durch Ketten pulsierender Farbvaleurs an den Angelhaken und zieht ihn schließlich in den Malstrom der Bewegungsformen.

Die Kaskaden hundertfacher Arten von Klopfen, Klackern, Pochen, Knattern und Fauchen sind so vielfältig ineinander gewoben, dass man sich immer wieder ungläubig die Ohren reibt, denn es sind ja doch die gewöhnlichen Instrumente, die ohne allen elektronischen Schnickschnack diese atemberaubend vielfältige Palette der Klänge hervorbringen. Der Sog entsteht durch wohldosierte Paradoxa, etwa wenn der übermächtige Eindruck von Beschleunigung bei gleichbleibendem Tempo aufkommt, indem die Rauigkeit der Klänge zunimmt. Oder wenn schnell bewegte Ton-Girlanden wie Wellen übereinander schlagen und im tonlosen Geräusch verebben.

In der brillant austarierten Dramaturgie von Bewegung und Erstarrung, in der Formation noch der kleinsten Rhythmuskrümel zum großen Strom liegt das Geheimnis dieser Musik. Sie ist hochdramatisch, ohne je die abgegriffenen Steigerungsmittel des "schneller - lauter - höher" auszubeuten. Die Anforderungen an das Zusammenspiel der Musiker dürften in Mouvement einen vorläufigen Höhepunkt erreicht haben, was leicht übersehen werden könnte, da das Klangforum Wien unter Hans Zender (Kairos 0012202, Vertrieb: edel classics) die Partitur mit einer organischen Präzision und traumwandlerischen Balance realisiert, die kaum anders als transzendent zu nennen ist.

Mag der See der Klänge anfangs unbewegt erscheinen, nur von kleinen Wellen gekräuselt, der Blick nach unten fällt durch glasklare Fluten in unerwartete Tiefe, und Schwindel befällt den Betrachter, bevor er endlos fällt (frei nach Goethes Ballade vom Fischer: "Halb zog sie ihn, halb sank er hin"). Mouvement ist Helmut Lachenmanns Beitrag zum Tiefenrausch.