Wenn Robert Leicht von der "galoppierenden Selbst-Säkularisierung" im Protestantismus spricht, dann müsste neben den von ihm angedeuteten Ursachen noch auf eine weitere verwiesen werden, nämlich auf die pro-testantische "Angewohnheit", Religion in Theologie aufzulösen. Leider erliegt auch Leicht dieser Gefahr, wenn er von "theologischer Substanz" und "theologischer Verbindlichkeit" redet. Theologie verhält sich aber zur Religion wie die Musikwissenschaft zur Musik und kann unmittelbare religiöse Erfahrungen und überhaupt gelebte Religion nicht ersetzen, sondern nur interpretieren. Das kann gelegentlich wichtig und notwendig sein, um zum Beispiel die Religion auf der Höhe der Zeit zu halten, darf aber nicht dazu führen, dass Religion zu einem Randphänomen wird, kaum noch erkennbar unter dem Wust theologischer Interpretationen und damit wirklich der Gefahr ausgesetzt, völlig zu verschwinden.

Walter Reichel, Stade