Als die letzten Druckbögen der Encyclopédie in die Setzerei gehen, sucht Denis Diderot, nach dem Rückzug d'Alemberts der alleinige Herausgeber des kritischen Wörterbuchs der Wissenschaften, Künste und Handwerke, nach einem Frontispiz für die 17 Textbände. Die Allegorie, die er findet, ist ganz nach seinem Sensualistengeschmack. Pausbäckig, gut frisiert und, unter wehendem Schleier, wohlgerundet, tritt die Wahrheit zwischen ihre Schwestern und Brüder: die Wissenschaften, die Künste und, weiter unten, die nützlichen Handwerke

die Strahlen der Sonne begleiten sie. Ihr zu Füßen aber kniet die Theologie, den Blick nach oben, mit dem Rücken zum Licht, das von draußen kommt. Les lumières - das natürliche Licht bringt die Aufklärung.

Der Kupferstich war eine Provokation, für die Theologen der Sorbonne, die immer noch auf den Wortlaut der biblischen Offenbarung pochten und neuerdings wieder den Glauben an Wunder schürten, für die Herrschenden in Versailles.

Sakrileg und Hochverrat, wie das ganze Werk. Die Encyclopédie, deren erster Band am 28. Juni 1751 ausgeliefert wurde, war von Anfang an ein Untergrundunternehmen gewesen. Schon während der Vorarbeiten saß der Herausgeber Denis Diderot im königlichen Gefängnis zu Vincennes vor den Toren von Paris, eingesperrt wegen der herrschaftskritischen Pornografie seines Romänchens Die indiskreten Kleinode, vor allem aber wegen des Briefes über die Blinden, in dem er dem religiösen Dogma seinen beseelten Materialismus entgegenstellte. Der Henker von Paris hatte die atheistische Schrift öffentlich verbrannt - in anderen Teilen des Landes landeten noch die Ketzer selbst, nach ausgiebiger Folter, auf dem Scheiterhaufen -, und der Verleger Le Breton, der schon einiges in die Encyclopédie investiert hatte, musste im Ministerium intervenieren, damit sein Herausgeber freikam.

1752, der zweite Band war gerade erschienen, verbot Ludwig XV. die Encyclopédie. Seine kranke Tochter werde genesen, hatte sein Beichtvater in Aussicht gestellt, wenn er das königliche Druckprivileg für das gottlose Werk widerrufe. Dabei war man in Versailles in religiösen Dingen eher lässlich.

Der lebensfrohe, geistesschlichte König, der späteren Bänden des illegalen Werkes mit Interesse entnahm, wie man Schießpulver herstellt, war allenfalls der Meinung, "wenigstens dem Volke" müsse die Religion erhalten bleiben. Die Frau an seiner Seite, die aufgeklärte Marquise de Pompadour, las den Höflingen vor, worin der Unterschied zwischen spanischer und Pariser Schminke bestehe, gleichwohl wollte sie nicht als Patronin die Verantwortung für das dictionnaire raisonné übernehmen: "Die Priester sind zu stark", ließ sie den Verleger wissen.

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