Sie würden sich nicht wohlfühlen, schreiben Sie, wenn Ihre Begleitung in einem Feinschmeckerrestaurant ihr Kind stillt? Stellen Sie sich nur einmal vor, Sie sind kürzlich Großvater geworden und möchten Ihre durch Schwangerschaft und Stillen ein wenig ausgezehrte Tochter verwöhnen. Also laden Sie sie in ein gutes Restaurant ein. Sie haben sich beide schön gemacht, Sie sind im Restaurant angekommen, haben bestellt, sich bei der Vorspeise gut unterhalten. Das hat seine Zeit gedauert, und nun möchte Ihr Enkel auch speisen. Ihre Tochter zerrt nicht etwa einen Schlabberpullover hoch, sondern öffnet diskret zwei Knöpfe an ihrer Bluse und schiebt den Kopf des Kindes an die Brust. Es ist nichts Unsittlicheres zu sehen als ein für den Abend gewöhnlicher Ausschnitt und etwas so Liebliches wie ein Säugling.

Da Sie den Kellner vorher auf die Pause aufmerksam gemacht haben, genießen Sie mit Ihrer Tochter den nächsten Gang, wenn auch sie wieder die Hände für Messer und Gabel frei hat.

Sollte ein älterer Herr am Nebentisch sitzen und missmutig starren, raten Sie ihm doch einfach, "bei Sorgen oder allgemein schlechter Laune" kein Restaurant zu besuchen. Und vergessen Sie nicht, den Chef darauf aufmerksam zu machen, dass es wirklich Zeit wird, auch hierzulande an Wickeltische zu denken, denn wer möchte sich sein Essen mit diversen Düften verderben oder gar sein Kind auf dem Boden wickeln. Da kann man ja gleich im Schlabberpullover auftauchen.

Ulla Mothes, Berlin