Als während des Zweiten Weltkrieges erkennbar wurde, dass die militärische Überlegenheit der Alliierten auch auf waffentechnischem Vorsprung basierte, klagte Goebbels im Mai 1943 über "unsere schlechte Führung im Wissenschaftssektor". Es räche sich, dass man einen "absoluten Hohlkopf" wie Rust zum Erziehungsminister gemacht habe. Dieser habe es versäumt, die in Forscherkreisen "zweifellos vorhandene Bereitwilligkeit" genügend zu aktivieren.

Goebbels' Bemerkung lenkt den Blick auf einen nur scheinbaren Widerspruch: einerseits auf die Wissenschaftsaversion der Parteielite und die nach 1933 jahrelang übliche Praxis, Hochschulprofessuren und Forschungsmittel primär nach parteipolitischer Gesinnung zu vergeben

andererseits auf die Bereitschaft sehr vieler Wissenschaftler, dem "Führer" zuzuarbeiten. Die Mehrheit der Naturwissenschaftler, die nach der Vertreibung der jüdischen und politisch missliebigen Kollegen übrig blieb, besaß kaum Resistenz gegenüber dem Nationalsozialismus. Nur bei wenigen verhinderten politisch-moralische Hemmschwellen ein Mitmachen. Fehlende Parteimitgliedschaft beweist dabei keineswegs fehlende Affinität zu nationalsozialistischen Zielen.

Nach 1945 ist dieser Sachverhalt lange Zeit verschwiegen worden.

Institutionelle und personelle Kontinuitäten wirkten hier zusammen. Die Max-Planck-Gesellschaft, auf naturwissenschaftliche Grundlagenforschung konzentriert und Nachfolgerin der 1911 gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, verhinderte noch 1974 mit juristischen Mitteln eine Diskussion über ihre Rolle im "Dritten Reich". Auf Initiative von Adolf Butenandt - Biologe und Nobelpreisträger - ließ sie damals gerichtlich die Aussage verbieten, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft habe im Rahmen der "Euthanasie-Aktion" Hirnforschung betrieben.

Von dieser Strategie beginnt sich die Max-Planck-Gesellschaft zu lösen. Ihr Präsident Hubert Markl hat sich vor kurzem auf einer Tagung über Menschenversuche im "Dritten Reich" bei den Opfern entschuldigt (ZEIT 25/01).

Bereits 1997 wurde unter Leitung der Historiker Wolfgang Schieder und Reinhard Rürup eine Kommission eingesetzt, die das Verhältnis der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zum Nationalsozialismus untersuchen soll. Nicht die juristische Festschreibung von Lebenslügen Beteiligter, sondern die historische Analyse von Handlungsspielräumen und die Frage, wie konkret im Einzelfall die Teilhabe am Nationalsozialismus war, ist nun gewollt.