Drei Millionen private Haushalte in Deutschland sind hoffnungslos überschuldet. Das noch junge Insolvenzrecht verspricht Hilfe: Private Schuldner können demnach genauso Pleite machen wie Unternehmen. Nach einem strengen Sanierungsplan sind sie sieben Jahren später ihre finanziellen Probleme los - sofern die Gläubiger dem Plan zustimmen. Lehnen Letztere den Plan ab, muss ein Gericht entscheiden. Für den Schuldner bedeutet das bis zu 3000 Mark Verfahrenskosten. Zu viel für jemanden, der ohnehin pleite ist.

Schuldnerberater bemängeln deshalb das neue Insolvenzrecht. "Unsere Erfahrungen sind miserabel", sagt Bernd Sorge von Caritas in Frankfurt. Im vergangenen Jahr gab es bundesweit lediglich 9500 Anträge auf Verbraucherinsolvenz. Eine Gesetzesänderung soll es Mittellosen nun erleichtern, ihr Recht auf Entschuldung einzuklagen. Die Gerichtskosten sollen vom Staat vorgestreckt werden, der Pleitier kann sie am Ende der Sanierungsphase zurückzahlen. In diesen Tagen soll das Gesetz den Bundestag passieren. Obwohl es für die Haushalte der Länder Mehrkosten von mindestens 75 Millionen bedeutet, wird vom Bundesrat kein Widerstand gegen die Reform erwartet. Bereits im Herbst könnte das Gesetz in Kraft treten. Rund 38 000 Insolvenzverfahren, so schätzt die Bundesregierung, werden dadurch pro Jahr zusätzlich möglich.

Die Reform des Verbraucherkonkurses ist notwendig. Denn nur auf den ersten Blick sieht die deutsche Vermögensbilanz eindrucksvoll aus: Bundesbürgern gehören Immobilien und Gold, Schmuck und Finanzanlagen im Wert von 18 Billionen Mark, was dem deutschen Bruttosozialprodukt von mehr als vier Jahren entspricht. Mehr als sieben Billionen Mark liegen auf Sparbüchern, sind in Schatzbriefen oder anderen Wertpapieren investiert. Jeder fünfte besitzt Aktien oder Fondsanteile.

Was diese Zahlen verschweigen: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer. Zwar werden die Armen nicht ärmer, die Reichen aber immer reicher.

Unter anderem liegt das an den insgesamt wachsenden Renditen aus altem Vermögen, die für das Gesamteinkommen von Singles und Familien zunehmend wichtig werden. Altaktionäre kassierten pro Jahr durchschnittliche Renditen von 39 Prozent (1999) oder 47 Prozent (1997) und damit trotz des späteren Einbruchs an den Börsen in der Regel mehr als jene Kleinsparer, die sich mit zwei Prozent Sparbuchzinsen oder einer renditeschwachen Lebensversicherung zufrieden gaben. Insgesamt verfügt das obere Zehntel über die Hälfte des Grundvermögens und die Hälfte des Geldvermögens, ermittelten die Wirtschaftsforscher von Prognos.

Dagegen ist mindestens jeder zehnte deutsche Haushalt nach gängiger wissenschaftlicher Definition arm, bezieht also nicht mehr als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens. Ebenso unausgewogen sieht es bei den Vermögen aus, stellte der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung fest: "Das oberste Zehntel besaß im Durchschnitt rund 1,1 Millionen DM. Für die untere Hälfte ergab sich dagegen ein durchschnittliches Vermögen von 22 000 DM. In den neuen Ländern war die Ungleichheit der Vermögensverteilung noch größer."

"Es gibt eine gewisse Stagnation der Armut auf hohem Niveau", analysiert der Hamburger Sozialforscher Wolfgang Schütte. Zwischen 25 und 35 Prozent der Haushalte "leben unter der ständigen Drohung einer ungesicherten Versorgung", berichtet die IG Metall. Und in diesem Monat meldet die Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung: Die Zahl der überschuldeten Haushalte steige immer weiter an und habe inzwischen die Rekordhöhe von 2,8 Millionen erreicht.