Immer schneller dreht sich das Karussell des Literaturbetriebs. Immer früher werden die Bücher ausgeliefert, und immer rascher werden sie verramscht. Immer kurzatmiger hechelt die Kritik den vermeintlichen Events der Saison hinterher, und immer vorzeitiger erscheinen die Rezensionen - ein Trottel, wer sich noch an die Sperrfristen der Verlage hält! Kaum sind die Titel des Frühjahrs auf dem Markt, kommen schon die Vorschauen auf die Titel des Herbstes - und vor den Vorschauen die Vorschauen auf die Vorschauen.

Das Gesetz der Beschleunigung macht vor den Autoren nicht Halt. Wer einmal Erfolg hatte, gar die Bestsellerlisten erklimmen konnte, den drängt es (oder der wird bedrängt), die Gunst der Konjunktur zu nutzen und sich sogleich an ein neues Werk zu machen. Doch zumindest im Bereich des Sachbuchs geht das Kalkül nur in den seltensten Fällen auf. Denn in je rascherer Folge die Bücher eines Autors erscheinen, desto früher wird das Publikum ihrer überdrüssig, zumal wenn immer dasselbe Thema traktiert wird. Wer möchte schon in immer neuen Variationen Hans Herbert von Arnims Klage über die Selbstbedienungsmentalität unserer politischen Klasse oder Bassam Tibis Warnung vor den Gefahren des islamischen Fundamentalismus lesen?

Ein trauriges Beispiel für Selbstentwertung durch Vielschreiberei ist Christian Graf von Krockow. Der bekannte Publizist hat wunderbar ruhige Bücher über seine Heimat veröffentlicht, Die Reise nach Pommern und Die Stunde der Frauen, dazu manch Bedeutendes über Preußen und Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890-1990. Doch in den letzten Jahren ist er in einen wahren Produktionsrausch verfallen. Einer Biografie Bismarcks im Herbst 1997 folgte schon wenig später eine über Churchill und kurz darauf eine über Wilhelm II. Für jedes dieser Bücher hätte sich Krockow, um seine großen schriftstellerischen Fähigkeiten voll entfalten zu können, zwei bis drei Jahre Zeit nehmen sollen. Stattdessen hat er noch so ganz nebenbei seine Erinnerungen zu Papier gebracht und sich gar an eines der schwierigsten Themen überhaupt gewagt: Hitler und seine Deutschen (soeben erschienen bei List).

Dass Autoren, die sich solchen hektischen Produktionszwängen ausliefern, keine Muße bleibt, ein durchgearbeitetes, durchkomponiertes Werk vorzulegen, liegt auf der Hand. Mit anderen Worten: Die Qualität sinkt von Mal zu Mal.

Täuscht überdies der Eindruck, dass der Schreibcomputer mit seinen vielseitigen Möglichkeiten der Speicherung und Verwendung von Textbausteinen den beschleunigten Ausstoß von Manuskripten begünstigt?

Wie wäre es, wenn alle - Verleger, Lektoren, Autoren, Literaturredakteure, Buchhändler - das Tempo drosselten und die Langsamkeit, diese kostbare Ressource, wiederentdeckten? Eine schöne Utopie.