Der Dokumentarfilm, lange als bildungshuberisch abgetan, wird, das sei hier als Prognose eingestreut, das Fernsehen erobern und besetzen. Hat er doch seine Mittel inzwischen derart verfeinert und seine Schauplätze und Kontexte dermaßen erweitert, dass so manches Produkt aus seinem Reich die TV-Fiction in puncto Unterhaltungspotenzial schon nach den ersten Einstellungen locker abhängt. Es gibt altgediente TV-Fans, die nur noch wegen der Dokus freiwillig glotzen.

Sicher bleibt auch Schrott im Doku-Wesen. Die Scheidelinie verläuft entlang einer Ressource, die investiert worden sein muss, damit Dokus glänzen: Zeit.

Überall da, wo Filmemacher wochen-, monate-, manchmal sogar jahrelang am Ball geblieben sind, kann das Ergebnis von jenen Teilchen durchsetzt sein, die den Zuschauer elektrisieren: O Mann, so ist das Leben.

Oder das Theater. Wie es zugeht auf und hinter einer kleinen Bühne, zum Beispiel in Bruchsal, das haben die Filmemacher Dominic Wessely und Marcus Vetter (Letzterer preisgekrönt für seine hervorragenden Dokumentationen Der Tunnel und Wo das Geld wächst) herausgefunden und festgehalten. Auch für Nichttheatergänger ist dieser Fünfteiler sehenswert, denn es bewahrheitet sich, was man zu Beginn ahnt: Die Welt ist Bühne, und was sich bei so einer Provinztruppe abspielt, entpuppt sich als Paradigma für das Leben selbst.

Da ist die Angst, zu versagen, nicht durchzudringen, nicht weiterzukommen.

Schauspieler Michael K., früher Soldat und dann Lehrer, möchte der Kunst treu bleiben - aber bleibt sie auch ihm treu? Da ist der Stolz auf den ersten Erfolg. Jungschauspielerin Yvonne Z. hat es von der Bauzeichnerin zur Stewardess und dann zur Hauptdarstellerin in Die Schöne und das Tier geschafft, sie strahlt. Aber die nächste Hürde wartet schon. Yvonne soll für eine Kollegin einspringen, und es gibt nur eine Probe ... Da sind die Geldsorgen. Der Verwaltungschef eines armen Theaters, das ohne Garderobiere und Kantine auskommen muss, fährt mit dem Werbeleiter über Land, um die Produktionen in den Kleinstädten der Region anzupreisen. Ein Theaterbau braucht nicht vorhanden zu sein. Es reicht eine Mehrzweckhalle. Und das Repertoire? Kabale und Liebe, wie im Leben eben.

Das Faszinierende an dieser Doku-Serie ist die Vertiefung, die möglich wird, wenn ein Team seine Helden lange begleitet und von allen Seiten zeigt: auf den Brettern, zu Hause, im Gastspielbus, beim Textlernen. Da müssen keine Löcher mit Effekten gestopft, keine offenen Fragen mit musikalischen Ablenkungsmanövern überspielt werden