"Seien Sie nicht so dumm", sagten Freunde zu mir, als ich ihnen Anfang 1947 meinen Entschluß mitteilte, nach Polen zurückzukehren. "Bleiben Sie hier, sie haben ja keine Vorstellung davon, wie es in Polen aussieht."

"Polen wartet auf Sie", erklärte mir ein Propagandist der polnischen Militärmission in Berlin. "Sie sind ein qualifizierter Kaufmann. Sie werden in Polen entweder in Warschau oder Krakau, Gdingen oder Stettin sofort eine gute Stellung bekommen. Polen braucht Sie, und es ist Ihre Pflicht, heimzukehren." Drei Monate später bin ich gefahren. Ich war bis 1951 in Polen. Ich habe alles gesehen, was man als gewöhnlicher Sterblicher heute in Polen noch sehen kann, und manchmal auch mehr. Ich war auf dem Lande: in Posen, Schlesien und Kongreßpolen; ich war in den Städten, in Warschau, Gdingen, Danzig, Stettin, Breslau, Krakau … Ich habe gesehen und habe jetzt meine Vorstellungen von Polen, die dem Bild der westdeutschen Zeitungen von 1947 nicht entsprechen. Aber sie decken sich auch nicht mit den Darlegungen des polnischen Propagandisten aus Berlin. Die Wahrheit liegt zwischen den beiden Extremen: zwischen der westlichen Schilderung des volksdemokratischen Polens als einer Hölle (das ist es nämlich noch nicht, weil es trotz der Warschauer Bemühungen noch nicht überall "volksdemokratisch" ist) und der Vorstellung des Propagandisten, der Polen als ein mit sowjetischer Hilfe endlich aufgebautes Paradies schilderte. Als ich 1947 nach Polen kam, war meine Heimat ein sehr irdisches Land: ein Land, durch das der zweite Weltkrieg zweimal hindurchgefegt war, ein Land mit Trümmern, zerstörten Verkehrswegen, Krüppeln, Toten, Vermißten und Verbitterten. Ein Land mit wenig Liebe und viel Haß.

Trostlose Heimat

Im Herbst 1947 reiste ich mit einem der ersten Transporte aus Deutschland. Unsere Verpflegung während der Fahrt war kümmerlich, der Empfang in Stettin zwar korrekt, aber kühl. Zwei Tage blieb ich in Stettin zur Erledigung der Einreiseformalitäten – am dritten Tage drückte man mir eine Freifahrkarte nach Gnesen in die Hand: Dort hatten meine Schwester Maria und mein Schwager Josef einen Hof; bei ihnen wollte ich die ersten Wochen in meiner alten Heimat verbringen und mit ihrer Hilfe wieder festen Fuß fassen.

Die Bahnfahrt von Stettin nach Gnesen war kein Vergnügen, aber das hatte ich auch nicht erwartet. Auch in Deutschland hingen in jener Zeit die Menschen auf Trittbrettern und Puffern, ich aber saß jetzt sogar im Abteil. Mir gegenüber hatte ein Ehepaar aus Lemberg Platz gefunden, das mich fassungslos anstarrte, als ich erzählte, ich sei soeben aus dem Westen eingewandert. "Ja, was hat Sie denn dazu veranlaßt?", rief die Frau, die man mit ihrem Mann mehrere Wochen lang in NKWD-Kellern gequält hatte, nur weil sie einen deutschen Namen trugen, aber nachgewiesenermaßen kein Wort Deutsch sprachen und Polen waren.

Ja, was hatte mich dazu veranlaßt? Das fragte ich mich selbst zum ersten Male, nachdem ich einen Tag auf dem Gut bei Gnesen bei Josef und Maria war. Josef hatte mich am Bahnhof in Gnesen abgeholt. Auf der Fahrt über das Land hatte ich bemerkt, daß die meisten Äcker entgegen den Meldungen der Westpresse, daß in Polen nur noch Unkraut auf den Feldern wuchere, bestellt waren. So war ich überrascht, daß Josef auf die Frage, wie es ihm gehe, müde abwinkte.

Josef war erst Ende Juli 1945 auf seinen Hof zurückgekehrt. Gleich zu Beginn des Krieges im Oktober 1939 hatten sie ihn mit seiner Frau nach Deutschland verschleppt. Auf einem kleinen Hof bei Osnabrück mußten sie fünf Jahre lang arbeiten. Sie hatten es aber bei dem Gutsbesitzer, der ein verständiger Mann war, verhältnismäßig gut gehabt. Damals, im Herbst 1939, war ihre älteste Tochter Wanda der Verschleppung durch eine Flucht in das Innere des Landes entgangen. Später verheiratete, sie sich im Generalgouvernement, kehrte gleich hinter der Roten Armee, im Mai 1945, auf den Hof ihrer Eltern zurück und veranlaßte dann die Eltern, auch zurückzukehren.